Seit dem Kommunistischen Manifest 1848 geht der Kapitalismus laut Marx und Engels an seinen Krisen zugrunde, und wenn nicht gleich, dann im Aufgalopp der apokalyptischen Reiter namens Ausbeutung, Verarmung, Verelendung und Aufruhr. Das jüngste Indiz ist die Gig-Economy der Gelegenheitsjobs, in der die Menschen keinen festen Job mehr haben, sondern sich von einem Auftrag zum nächsten durchhangeln müssen – ohne Sozialversicherung, Krankenkasse und Zukunft.

Ein klassisches Beispiel für die Gig-Economy – heute hier, morgen dort – ist Uber, der Fahrtenvermittler, der vor ein paar Jahren einen höheren Marktwert hatte als Ford oder General Motors. Der Uber-Fahrer bringt sich und sein bescheidenes Kapital – einen Gebrauchtwagen – ein. Dann geht er oder sie per App und ohne Einkommensgarantie oder soziale Absicherung auf Kundenjagd. Vom Fahrpreis kassiert Uber 30 Prozent Provision. Über andere Apps kommen die Pizza oder die Putzfrau ins Haus. Aber auch Chirurgen und Finanzberater bieten in Amerika ihre Dienste per App an.

Das hässliche Wort vom "Prekariat" macht die Runde, das bald die alte Arbeitsordnung auflösen würde – zum Nutzen großer, superreicher Unternehmen und zum Schaden kleiner Ich-AG-Dienstleister, die nicht wissen, welche Einnahmequelle sie morgen anzapfen könnten, um ihren Lebensunterhalt zu sichern. Ein übler Trend scheint sich durchzusetzen, doch die neuesten Zahlen, jedenfalls aus Amerika, der Höhle des "Raubtierkapitalismus", sprechen eine freundlichere Sprache.

Ein gerade freigegebener Report des US-Arbeitsministeriums (Bureau of Labor Statistics) meldet, dass über 90 Prozent der Erwerbstätigen einer traditionellen Beschäftigung nachgingen, also als Festangestellte. Solche Zahlen, folgert der Ökonom Lawrence Mishel im Wall Street Journal, sollten all jene ernüchtern, "die den Hype mitgetragen haben, wonach eine Explosion der Selbstbeschäftigung die Arbeitswelt im Sauseschritt umkrempelt".

Denn der Trend geht inzwischen in die andere Richtung. Die Quote der freischaffenden Erwerbstätigkeiten ist seit der "Großen Rezession", die 2007 begann, von 7,4 auf 6,9 Prozent gesunken. Ähnlich die der Arbeiter mit befristeten Jobs: damals 4,1 Prozent, nun 3,8. Zwei Koryphäen – Alan Krueger (Princeton) und Lawrence Katz (Harvard) – sind überrascht. Die Ökonomen hatten vorausgesagt, dass immer mehr Menschen wie Cowboys umherziehen, mal bei dem, mal bei jenem Rancher die Herden treiben würden. Als gute Wissenschaftler revidieren sie nun ihre Meinung. Der US-Arbeitsmarkt habe sich kaum verändert, melden sie.

Dabei unterscheiden sie zu Recht zwischen zwei verschiedenen "alternativen" oder "kontingenten" Arbeitsmärkten.

Es wächst der alternative Markt, wo keine traditionellen Arbeitsverhältnisse herrschen, aber nicht unbedingt wegen der schieren Not. Hier tummeln sich Leute, die wir in Deutschland "Freischaffende" nennen – die sich als Ein-Mann-Unternehmer anbieten oder projektgebundene Zeitverträge abschließen, aber anders als klassische Produzenten kein Kapital haben oder einsetzen wollen. Hier agieren beileibe nicht nur die jungen, schlecht Ausgebildeten, die keinen regulären Job finden. Prozentual sind viermal so viele Ältere (55 bis 74) wie Junge in diesem Sektor unterwegs. Es sind keine "Abgehängten", sondern zuvörderst Gutqualifizierte, die sich nicht an große Konzerne verdingen wollen und ihre Unabhängigkeit schätzen. Aber das Risiko der Freiheit lässt sich verkraften. Diese Menschen, Experten auf ihrem Gebiet, kassieren im Durchschnitt mehr pro Stunde als normale Festangestellte.