Rainer hat es geschafft, das Fahrrad seines in Mexiko ermordeten Bruders Holger nach Hause zu holen. Letzte Folge: Freunde aus der ganzen Welt nehmen Abschied. © Illustration: Adams Carvalho für DIE ZEIT

Zwei Fahnen bedecken die Räder des Fahrrads, Schwarz-Rot-Gold und Grün-Weiß-Rot, Deutschland und Mexiko, Anfang und Ende. Auf dem Gepäckträger liegt ein Gesteck aus Sonnenblumen, auf dem ein Globus ruht, die Urne mit Holgers Asche.

Sommerhitze dringt ins dämmrige Kirchenschiff von St. Markus in Freigericht-Altenmittlau. Besucher benutzen die ausliegenden Faltblätter als Fächer, "Lieder und Texte zur Trauerfeier für Holger Franz, 4. August 2018". Einige tragen T-Shirts mit einem Piktogramm, das einen Radfahrer mit Flügeln zeigt. Mit diesem Logo hatte im Mai die Biker-Community in San Cristobal gegen die Ermordung von Holger Franz und Krzysztof Chmielewski protestiert. Seitdem hängt bei Kilometer 158 ein weißes Fahrrad an einem Mast neben der Landstraße, dazu ein Schild, das die Namen der beiden Toten trägt.

Rainer hat eine Leinwand neben dem Altar aufgebaut. Man sieht Holgers Schatten an einer Hauswand tanzen, daneben den einer mexikanischen Freundin, Rita, die den Film nach seinem Tod geschnitten hat, aus Bildern seiner Weltreise. Rita sitzt in St. Markus links in zweiter Reihe und hält ein Taschentuch in der Hand. Rainer hat sie zur Trauerfeier eingeladen, zusammen mit Vero und Mireille, Holgers Clique aus Mexiko. Die Anreise wollten sie über eine Spendenkampagne im Internet finanzieren, aber von den großzügig veranschlagten 20.000 Dollar kamen am Ende nur 255 zusammen.

Eigentlich wollte auch Brenda kommen, die bei Rainers erster Reise mit in Tuxtla Gutiérrez war und seiner Tochter Anna erzählt hat, dass sie verliebt gewesen sei in Holger, aber ihr Arbeitgeber hat ihr den Sonderurlaub verwehrt. Michael Meurer, der Amerikaner, der Holger am Strand von Puerto Vallarta kennenlernte und sein Verschwinden im April als Erster meldete, ist aus den USA angereist. Die junge Frau neben ihm, eine Niederländerin mit blondem Pferdeschwanz, ist mit Holger den Dalton Highway in Alaska gefahren.

Während die vergangenen vier Jahre von Holgers Leben in einer Kirchenbank Platz finden, ist der Raum ansonsten voller Menschen, die ihn in letzter Zeit nur noch selten gesehen haben. Die meisten Freunde aus seiner alten Wikinger-Gruppe haben immer noch lange Haare, gerne auch Bärte. Einer von ihnen, Andy, kannte Holger seit fast 20 Jahren, er war der Patenonkel seines Jüngsten. Holger nannte Andy "Meister", Andy nannte Holger "Lutschbobbes" oder einfach "Lutscher" – beides kann auf Hessisch Freund meinen. Andy hat Rainer gefragt, ob er das Rad auf dem Weg zum Grab ein paar Meter schieben darf. Und Rainer hat gesagt: Andy, ich hab den Holger aus Mexiko nach Hause geholt, du darfst ihn auch den ganzen Weg schieben.

Zwei Tage vor der Trauerfeier, im Garten von Andy und seiner Frau Simone in Schlüchtern, der kleine Sohn soll mal nach den Kaninchen schauen und weiter glauben, sein Patenonkel sei bei einem Unfall gestorben. Andy und Simone waren Holgers Basis-Station. Bei ihnen hat er Möbel untergestellt, ihnen hat er zugeschickt, was ihm unterwegs zum Ballast geworden war, bei ihnen lag die Zahnbürste, aus der Holgers DNA gewonnen wurde, zum Abgleich. Am Fenster in ihrem Arbeitszimmer klebt eine Silhouette: Holger auf seinem Fahrrad sitzend, mit ausgestreckten Armen, on the road. Damit ihr immer an mich denkt, hat er gesagt.

Als Holger nach dem Tod seines Vaters im Februar 2015 für ein paar Monate zu Hause war, hat Simone versucht, ihn mit einer Freundin zu verkuppeln. Sie dachte, das könnte passen. Passte auch. So gut, sagt sie, dass Holger die Weiterreise fast abgeblasen hätte. Aber dann hat es wohl doch nicht gereicht. Anfang 2017 war er noch einmal für ein paar Monate daheim. Zum Abschied gab es Krustenbraten mit Klößen und Rotkraut. Holger hatte sich das so gewünscht. Als sie das letzte Mal von ihm hörte, schickte er ihr kommentarlos eine Ladung Bilder per WhatsApp, Fotos aus Mexiko. Schön und gut, Holgi, habe sie geschrieben, aber wie geht es DIR? Er antwortete: saugut.