Der SPD geht es nicht gut, Walter Riester schon. Bester Laune öffnet er die Tür seiner Berliner Wohnung im Stadtteil Köpenick, von der großen Fensterfront blickt man auf die Spree. Der 75-Jährige scheint uns der ideale Mann zu sein, um die bittere Lage seiner Partei zu ergründen. Wie kaum ein anderer Sozialdemokrat polarisiert Riester bis heute: In der ersten rot-grünen Regierung war er Arbeitsminister und baute das Rentensystem grundlegend um. Hätte die heutige SPD einen wie ihn dringend nötig? Oder gehört Riester zu denen, mit denen die Krise überhaupt erst begonnen hat? Riester wartet nicht auf die erste Frage.

Walter Riester: Ich will gleich sagen, wo ich eine Kernproblematik meiner Partei sehe. Als wir 1998 in die Regierung kamen, hatte die SPD 16 Jahre Opposition erlebt, und wie jede Oppositionspartei hatte sie sich angewöhnt, zu allen Maßnahmen der Regierung Nein zu sagen. Es gab ein paar Ideen für die Zukunft, aber keinerlei Vorstellung, wie man das durchsetzen wollte. Wenn man an der Regierung ist, kann man nicht mehr Nein sagen, man muss die Macht nutzen, um zu gestalten – mit allen Schwierigkeiten. Es gab dann bald eine Melodie aus weiten Teilen der SPD: So haben wir uns das nicht vorgestellt!

DIE ZEIT: Herr Riester, wir kommen gleich auf die SPD und ihre Krise zurück. Beginnen möchten wir das Gespräch aber mit dem kleinen Walter und der Frage: Mögen Sie noch Kartoffelbrei?

Riester: Ja, ich esse Kartoffeln sehr gerne. Auch Kartoffelbrei.

ZEIT: Sie haben in Ihrer Autobiografie geschrieben, dass Sie als Kind jahrelang abends immer Kartoffelbrei mit Tomaten gegessen haben. Daraus ist also kein Kartoffelbrei-Trauma geworden.

Riester: Nee. Aus heutiger Sicht waren meine Mutter und ich außerordentlich arm. Aber ich habe das nicht so erlebt. Meine Mutter hatte für mich durchgesetzt, dass ich mittags im Waisenhaus essen konnte, doch da war ich nur ganz selten. Ich war die meiste Zeit auf der Straße und habe mich durchgeschlagen. Ich habe gute Erinnerungen daran, auch wenn in meinem ersten Schulzeugnis die Bemerkung stand: Seine Rauflust gibt zu Klagen Anlass.

ZEIT: Ihre Mutter war eine selbstbewusste Frau. Sie hatte sich scheiden lassen, weil Ihr Vater untreu war. Dass eine Frau ihr Schicksal in die Hände nimmt, war zu jener Zeit sehr ungewöhnlich.

Riester: Ja, das war ungewöhnlich. Mit ihrer Einstellung hat sie unglücklicherweise auch auf jeden Unterhalt verzichtet und ging Vollzeit arbeiten, als Maschinenbedienerin an einer Kunststoffpresse, für 90 Mark im Monat. Wir beide haben in Kaufbeuren in einem Zimmer zur Untermiete gelebt. Ohne eigene Toilette, ohne Bad, gewaschen haben wir uns mit einer Schüssel oder im Becken. Die Vermieterin hat sich ihre Wäsche von meiner Mutter waschen lassen, dafür durfte meine Mutter im Keller dann unsere Wäsche waschen. Das kann man sich heute nicht mehr vorstellen.

ZEIT: Waren Sie als kleiner Junge manchmal sauer auf Ihre Mutter? Weil sie Ihnen nicht so viel geben konnte, weil sie den Vater verlassen hatte?

Riester: Überhaupt nicht! Ich habe meinen Vater gar nicht wahrgenommen, nicht mal seine Abwesenheit. Er war im Kriegseinsatz in Frankreich gewesen und hatte sich da wohl ganz gut durchgeschlagen – zu gut, das waren vermutlich die Gründe für die Scheidung. Er spielte keinerlei Rolle in meinem Leben. Erst als ich viel später in der Gewerkschaft eine herausragende Stellung hatte, tauchte er plötzlich auf.

ZEIT: Und dann?

Riester: Gar nichts. Ich hatte keine Beziehung zu ihm, und das ist so geblieben. Meine Mutter hat noch einmal geheiratet, einen ganz tollen Mann, der mich sehr geprägt hat. Der war mein Vater.

ZEIT: Sie haben mit 13 eine Lehre als Fliesenleger angefangen. Mit 13 Jahren!

Riester: Das hatte damit zu tun, dass ich in der Schule ausgesprochen lernfaul war. Es war eine sehr harte Lehre.

ZEIT: Wenn Sie zurückblicken: Hatten Sie damals so etwas wie ein Klassenbewusstsein – ich bin ein Teil der Arbeiterklasse?

Riester: Nee, nicht bewusst. Mein neuer Vater hat mir ein Stück davon vermittelt. Er kam aus einem katholischen Elternhaus und hat dann die Grauen des Kriegs an der Ostfront erlebt. In der russischen Gefangenschaft war er Kommunist geworden, er kam als Spätheimkehrer zurück. Das war ein gewaltiger Bruch mit allem, was ihm in der Kindheit gepredigt worden war. Er blieb bis zuletzt ein Linker. Und es gab ein prägendes Erlebnis während der Lehre, das hatte mit meiner Mutter zu tun.

ZEIT: Erzählen Sie.

Riester: Ich wurde in der ersten Zeit meiner Lehre wie ein Hilfsarbeiter eingesetzt: Material schleppen, Zement schleppen, Mörtel schleppen. Wenn’s hochkam, durftest du ein paar Fliesen legen und etwas verfugen. Dann hat meine Mutter gesagt: Nee, so nicht. Eines Morgens ging sie zum Meister und baute sich vor ihm auf: "Der Junge ist hier zum Lernen, nicht als Hilfsarbeiter." Und sie fügte hinzu: "Wir sind in der Gewerkschaft." Es hat funktioniert – weil meine Mutter laut wurde. Von da an ließen mich die Gesellen Fliesen schneiden und legen, ganze Bäder und Küchen durfte ich machen. Es wurde eine richtige Lehre. Das Problem war nur: Den Hilfsarbeiterjob machte jetzt ein anderer, der schon ein Jahr länger in der Lehre war – und der erst recht hätte ausgebildet werden müssen. Da bekam ich eine leichte Ahnung, dass bestimmte Dinge nicht individuell zu lösen sind. Es geht nicht alleine. Man muss Widerstand organisieren, und das ist nicht leicht.

ZEIT: Wie lernt man so etwas?

Riester: Eines meiner wichtigsten Vorbilder war Willi Bleicher. Sagt Ihnen der Name noch was?

ZEIT: Nicht wirklich.

Riester: Willi Bleicher war IG-Metall-Bezirksleiter in Baden-Württemberg. Er war in der Nachkriegszeit die ganz große Persönlichkeit der Metallindustrie und hat wichtige Arbeitskämpfe geführt. Er war Kommunist, die Nazis steckten ihn in das KZ Buchenwald. Dort war er bis 1945, als Kapo der Effektenkammer, ein Kapo war offiziell ein Mitarbeiter der Lagerleitung. Gleichzeitig gehörte er zur kommunistischen Widerstandsgruppe, die unter anderem einen kleinen polnischen Jungen im Lager versteckte und ihm so das Leben rettete. Der Protagonist in dem Roman Nackt unter Wölfen ist Bleicher nachempfunden. Nach dem Krieg blieb er Kommunist und musste deswegen den Vorstand der IG Metall verlassen. Doch er kämpfte sich wieder hoch, bis zum Bezirksleiter. Ein außerordentlich interessanter Mensch. Ihm stand ich persönlich nahe, und ich habe viel von ihm gelernt.

ZEIT: Wann sind Sie ein Linker geworden?

Riester: Mein Lerneifer begann in der Berufsschule. Als ich dann 1969 an die Akademie der Arbeit in Frankfurt kam, erlebte ich im Studium Leute wie Max Horkheimer oder Oswald von Nell-Breuning als Lehrer. Die Stadt brodelte: die Endphase der 68er-Bewegung, die Radikalisierung der Proteste. Sie müssen sich vorstellen: Ich kam aus dem engen Allgäu. Die Stimmung hat mich angefixt. Damals war ich sehr links eingestellt.

ZEIT: Sie hätten in Frankfurt dem Rebellenanführer Joschka Fischer begegnen können.

Riester: Ja, war aber nicht so. Wir sind uns erst im Kabinett begegnet.