Lebenslanges Lernen, da will man am liebsten gleich weghören. Den Segen ewiger Weiterbildung als Wunderwaffe gegen die Angst zu beschwören, in einer sich rasend wandelnden Welt ausrangiert zu werden, ist zum leiernden Abendgebet der Arbeitsgesellschaft geworden. Jaja, ich muss flexibel bleiben. Jaja, es macht mir einen Heidenspaß, meine Komfortzone zu verlassen, und lernen ist wie rudern gegen den Strom: Sobald ich damit aufhöre, falle ich zurück. Man hat diese Aufforderungen einfach zu oft um die Ohren gehauen bekommen – von Change-Managern, Beratungsgurus, FDP-Männern, Bildungspolitikern und sonstigen Sonntagspredigern –, als dass man mit ungeheuchelter Begeisterung dabei sein könnte.

Ein Fehler wäre es allerdings, das Konzept des lebenslangen Lernens aus Überdruss gleich ganz zu verwerfen. Es wird dringend gebraucht, um die Probleme der Gegenwart und Zukunft in den Griff zu bekommen. Dafür muss das lebenslange Lernen aber aus seiner ökonomischen Indienstnahme gelöst, soziokulturell verankert und mit Inhalt gefüllt werden. Es sollte nicht mehr darum gehen, wie sich der Einzelne an die Erfordernisse des Wirtschaftssystems anschließt – sondern um die Frage, welche kollektiven gesellschaftlichen Herausforderungen heute welche Art des Lernens erforderlich machen. Anders gesagt: Schön und gut, wenn niemand den Anschluss verliert an eine fortwährend mutierende Arbeitsmaschinerie. Aber was ist damit gewonnen, wenn uns die ganze Kiste am Ende um die Ohren fliegt?

Die Trägheit der Gleichgültigkeit überwinden

Die größte Gefährdung, mit der man heute kollektiv konfrontiert ist, geht mit der Ökologie einher – mit der Entdeckung, dass sich der Mensch in einer höchst aktiven Biosphäre bewegt, in einem sich verändernden Raum, in dem alle möglichen Lebensformen auf unterschiedlichste Weise miteinander verknüpft sind. Der Mensch steht der Natur nicht gegenüber, die er zum Zweck seiner Selbstentfaltung beherrschen muss. Er steht mitten in der Natur, und all das, was er zum Zweck seiner Selbstentfaltung tut – man kann es auch Arbeit nennen –, wirkt sich auf die Biosphäre aus und von dort auf ihn zurück. Der Klimawandel, der die Grundlagen menschlicher Selbstentfaltung bedroht, ist dafür das beste Beispiel.

Der Kulturwissenschaftler McKenzie Wark hat aus diesem Sachverhalt mit seltener Klarheit und Radikalität die Konsequenzen gezogen. In seinem so lehrreichen wie bahnbrechenden Buch Molekulares Rot schreibt er über den Einfluss des menschlichen Handelns auf die Biosphäre: "Alle und wirklich alle aus einem Arbeitsprozess hervorgehenden Produkte müssen wieder in diese zurückgerechnet werden." Eine Aufgabe, die weder von einem Meisterdenker noch von den Zauberkräften des Marktes oder gar von technologischen Wunderwaffen bewerkstelligt werden könne. Von wem aber dann?

Hier hilft es, das Problem des Klimawandels zu konkretisieren: Mit dem Verbrennen von fossilen Energieträgern wird nebenbei CO₂ produziert und in die Atmosphäre geblasen, wo das Gas unbeabsichtigt die Erderwärmung in Gang gesetzt hat. Das von Wark geforderte Zurückrechnen in die Biosphäre würde bedeuten, Bäume zu pflanzen, die das CO₂ wieder aus der Atmosphäre herausfiltern. Es geht also darum, alle und wirklich alle Folgen des menschlichen Handelns erkennen, abwägen und ihre Rückkopplungseffekte einschätzen, wenn nicht gar berechnen und aufrechnen zu können. Und genau hier steckt die Aufgabe eines lebenslangen sowohl kollektiven wie individuellen Lernens: Es muss die Trägheit der Gleichgültigkeit überwinden, den Eindruck, es mache meist keinen Unterschied, wie der Mensch handelt. Tut es aber doch, weshalb die daraus resultierenden vielfältigen Folgen erforscht und als stets abrufbare Wissensbestände organisiert werden müssten.

Damit würde das lebenslange Lernen wieder an seine Ursprünge anknüpfen. Bevor das Konzept in den Neunzigerjahren ökonomisch und individual-karrieristisch gekapert wurde, hatte man es in den Siebzigerjahren partizipativ und egalitär angelegt. Das erste wirklich umfassende Programm einer lebenslangen Bildung stammt vom Club of Rome, der sie 1972 im Buch Die Grenzen des Wachstums ökologisch und sozial definierte. Den Autoren zufolge sollte ein lebenslanges Lernen die zerstörerische Wirkung des Wachstums erkennen und eindämmen helfen.