Es kommt selten vor, dass die Abschlussarbeit eines Studenten in deutschen Kultusministerien für Aufmerksamkeit sorgt. Doch Severin Wenzeck, bis vergangenen Herbst an der Berliner Humboldt-Universität eingeschrieben, hat es geschafft. In seiner Masterarbeit wies er für das Fach Mathematik nach, dass die Abiturprüfung in Bayern anspruchsvoller ist als in Berlin. Die einen müssen im Schnitt 30 Aufgaben lösen, die anderen 14. In Bayern muss man den Stoff der ganzen Oberstufe parat haben, in Berlin reichen Teile davon. In der Hauptstadt dürfen die Schüler aus zwei Problemstellungen wählen, im Süden übernimmt das der Lehrer.

Das Überraschende an Wenzecks Masterarbeit ist nicht das Ergebnis selbst – kaum jemand hätte etwas anderes erwartet. Aufsehen erregte, dass jemand die auffällig unterschiedlichen Anforderungsniveaus zwischen zwei Bundesländern im Fach Mathematik am Ende des Gymnasiums überhaupt im Detail belegte. Das hatte bis dahin – man glaubt es kaum – niemand getan. Die Schulminister am allerwenigsten. Denn täten sie dergleichen, stellten sie damit infrage, worauf das deutsche Gymnasium seine Existenzberechtigung gründet: das Abitur – Eintrittskarte in die Welt der akademischen Bildung. In den USA entscheidet jede Hochschule einzeln über den Zugang zum Studium, Länder wie Frankreich oder China kennen nationale Examen. In Deutschland dagegen darf jedes der 3118 Gymnasien die Allgemeine Hochschulreife verleihen – für jedes Fach an allen Hochschulen des Landes.

Dieses einst von Wilhelm von Humboldt konzipierte Privileg des Gymnasiums ist freilich an eine Bedingung geknüpft: Die Anforderungen an die Schüler sind ähnlich, Prüfungen und deren Bewertung vergleichbar. Andernfalls hätte das Abitur ja kaum einen Wert. Werden die Abiturienten ungerecht behandelt, können sich die Universitäten nicht auf das Zertifikat verlassen. "Die Wirklichkeit ist von dieser Idee leider sehr weit entfernt", sagt der Kieler Schulforscher Olaf Köller.

Spitzen-Gefälle

So sehr klafft der Anteil der Einser-Abiturienten in den Ländern auseinander.

Quelle: Kultusministerkonferenz © ZEIT-Grafik: Doreen Borsutzki

Das Niveau der Reifeprüfung unterscheidet sich auf allen Ebenen: von Bundesland zu Bundesland, innerhalb der Länder von Schulform zu Schulform und innerhalb der Schulformen von Klasse zu Klasse. Ein einheitliches Muster – Bayern immer schwierig, Berlin immer einfach – gibt es nicht. Es herrscht ein föderales Chaos.

  • In Bayern bekommen Schüler im mündlichen Abitur eine halbe Stunde vor der Prüfung ein Thema gestellt, in Hamburg dürfen sie sich auf die Präsentationsprüfung zwei Wochen vorbereiten.
  • Während die Schüler in Brandenburg oder Baden-Württemberg nur wenige jener Kurse, die sie ins Abitur einbringen müssen, wegen unzulänglicher Noten streichen können, sind Berlin, Bremen oder Hessen hier großzügiger.
  • In manchen Bundesländern darf ein Prüfling im Abitur einen Taschenrechner benutzen, in anderen muss er ohne einen solchen auskommen.

Immer wieder verteidigen die Bundesländer ihr Monopol in der Schulpolitik damit, wie "erfolgreich sie an der weiteren Vereinheitlichung von Abschlüssen" arbeiteten (Winfried Kretschmann) oder wie prima der "Wettbewerb der Länder" (Armin Laschet) funktioniere.

Seit gut einem Jahr steht die Kultusministerkonferenz (KMK) jedoch unter verstärktem Handlungsdruck. Ende 2017 hat das Bundesverfassungsgericht in einem bemerkenswerten Urteil festgestellt: Das Abitur-Chaos verstößt gegen den Gleichheitssatz des Grundgesetzes. Anlass war eine Klage gegen die Zulassung zum Medizinstudium. Hier kommt es im Abschlusszeugnis auf jede Nachkommastelle an. Man nehme in Kauf, so die Richter, dass Bewerber aus Bundesländern mit einem schwereren Abitur "erhebliche Nachteile erleiden". Die Universitäten müssten deshalb neben dem Abitur weitere Zugangskriterien wie Auswahlgespräche oder Eignungstests anwenden.

Zwar gilt das Urteil konkret für das Fach Medizin. Doch es habe Signalwirkung, warnt die Vorsitzende des Deutschen Philologenverbandes, Susanne Lin-Klitzing. Es bestehe die Gefahr, dass die Universitäten in Zukunft ihre Studenten auch in anderen Fächern nach eigenen Kriterien aussuchten. "Das würde den Wert des Abiturs und damit des Gymnasiums weiter schwächen", warnt Lin-Klitzing. Ihre Forderung: Die Abiturprüfung müsse endlich einheitlicher werden, die Anforderungen in der Oberstufe vergleichbarer.