Read this interview in English.

Der Nachmittag ist mild und grau in Berlin, in der Nacht zuvor hat das britische Unterhaus gegen den Brexit-Deal von Theresa May gestimmt. Die Wachleute an der Pforte des Kanzleramts sind freundlich, der Chef der Presseabteilung geleitet den Fotografen Dominik Butzmann und ZEIT-Mitarbeiterin Jana Hensel mit dem Fahrstuhl in den siebten Stock, Regierungssprecher Steffen Seibert kommt hinzu, und beinahe auf die Sekunde genau zum vereinbarten Termin darf man ins Büro der Bundeskanzlerin eintreten. Angela Merkel wirkt konzentriert und ruhig, vielleicht ein wenig angespannt. Nicht wegen des Interviews, eher wegen des schiefgegangenen Brexit-Deals. Aber in diesem Gespräch soll es mehr um die Kanzlerin persönlich gehen. Merkel bittet, an dem langen Konferenztisch Platz zu nehmen, und schenkt Kaffee ein. 45 Minuten sind verabredet. Exakt 45 Minuten später ist die Unterhaltung zu Ende.

DIE ZEIT: Frau Bundeskanzlerin, als Sie verkündet hatten, sich vom CDU-Vorsitz zurückzuziehen, habe ich in der ZEIT einen sehr persönlichen Abschiedstext geschrieben – auch darüber, wie wichtig Ihre Kanzlerschaft gerade für viele ostdeutsche Frauen ist. Mögen Sie es, aus ostdeutscher Perspektive betrachtet zu werden?

Angela Merkel: Genauso wie ich es mag, als Frau betrachtet zu werden oder als über 60-Jährige. Die DDR ist Teil meiner Biografie. Ich bin nun einmal nicht im Westen aufgewachsen, aus der Perspektive also kann man mich nicht beschreiben.

ZEIT: Sind Ihre ostdeutschen Wurzeln Ihnen wichtig?

Merkel: Alle meine Wurzeln sind mir wichtig, die ostdeutschen gehören auch dazu. Weder trage ich sie den ganzen Tag vor mir her, noch verleugne ich sie.

ZEIT: Ich war nach dem Erscheinen meines Textes überrascht, wie viele Frauen mir geschrieben haben, denen Sie wichtig sind. Ist Ihnen klar, dass viele Frauen in unserem Land eine besonders emotionale Beziehung zu Ihnen aufgebaut haben?

Merkel: Nein, das ist mir nicht so klar. Ich spüre eine gewisse Anerkennung dafür, dass ich versuche, meine Arbeit ordentlich zu machen, aber ich erzeuge bei anderen auch viele negative Emotionen. Beides kann von Frauen wie von Männern kommen. Das war schon während der Euro-Krise so – und in der Flüchtlingsfrage auch. Da zog ich genauso die Pfeile auf mich, wie es einem Mann passiert wäre. Ich glaube nicht, dass Frauen generell andere Frauen bewundern. Auch unter Frauen gibt es mitunter harte Emotionen.

ZEIT: Aber für viele Frauen sind Sie ein Vorbild. Nur ist es eine eher schweigsame Schwesternschaft: Sie selbst wenden sich eher selten an die Frauen.

Merkel: Ich wende mich selten nur an die Frauen, ich bin ja auch nicht allein die Bundeskanzlerin der Frauen in Deutschland, sondern die Bundeskanzlerin aller Menschen in Deutschland. Ich bin mir außerdem gar nicht sicher, ob die Frauen immer erwarten, dass ich mich besonders an sie wende. Natürlich: Wenn man in seinem Beruf dort angekommen ist, wo ich es bin, steht man im Rampenlicht. Dass Frauen sich mit mir vergleichen, ergibt sich dann daraus, dass ich eine Frau bin und andere Frauen mitunter auch vor schwierigen Aufgaben stehen. Da brauche ich mich gar nicht speziell an sie zu wenden.

ZEIT: Sie glauben, Sie kommunizieren mit Frauen unterbewusst oder indirekt?

Merkel: Nein, nicht unterbewusst. Automatisch. Wenn ich etwas sage oder tue, sage oder tue ich es nun einmal als Frau.

ZEIT: Vor genau zehn Jahren haben wir schon einmal hier in Ihrem Büro gesessen und über Feminismus gesprochen. Sehr zaghaft, wie mir beim Wiederlesen des Gespräches schien. Als eine Feministin wollten Sie sich damals nicht bezeichnen.

Merkel: Für mich sind Frauen wie Alice Schwarzer Feministinnen. Oder Marie Juchacz, die gemeinsam mit anderen vor 100 Jahren das Frauenwahlrecht erkämpft hat. Ich möchte mich nicht mit falschen Lorbeeren schmücken. So sehr, wie sie ihr Leben lang für Frauenrechte gekämpft haben, kann ich das von mir nicht sagen. Aber natürlich musste ich als Frau wie jede andere meinen Weg finden, damit wir eines Tages wirklich zu einer Parität der Geschlechter finden. Nicht erst als Bundeskanzlerin, schon als Physikerin habe ich mit vielen Männern zusammengearbeitet. Parität in allen Bereichen erscheint mir einfach logisch. Das muss ich nicht dauernd extra erwähnen.

ZEIT: Aber das ist doch eine gewaltige Entwicklung! Einen Begriff wie Parität selbstbewusst und beinahe selbstverständlich zu benutzen, das macht Sie doch zur Feministin!

Merkel: Auf dem G20-Frauengipfel hat die niederländische Königin Máxima eine Definition für Feminismus gefunden, der ich mich anschließen kann: Für sie ist es Feminismus, wenn ich dafür bin, dass Männer und Frauen die gleichen Lebenschancen haben.

ZEIT: Sind Sie im Amt zur Frau geworden?

Merkel: Nein, im Amt sicherlich nicht, ich war ja schon vorher eine Frau.

ZEIT: Aber ist es Ihnen bewusster geworden?

Merkel: Das würde ich auch nicht sagen. Schon als Physikstudentin habe ich Männer an der Uni als sehr dominant erlebt. In der Politik hat sich das noch einmal anders dargestellt. Mein Blick für Benachteiligungen, die auf Frauen zukommen, hat sich geweitet, weil ich Einsichten in sehr viele Lebensbereiche bekam. Und ich habe diesen Blick auch aufmerksam schweifen lassen, schon weil ich zu Beginn Frauenministerin war. Dieses Interesse hat mich nie wieder verlassen.

ZEIT: Ist in Ihnen doch die Einsicht gereift, dass es einen Makel darstellt, eine Frau zu sein?

Merkel: Ein Makel ist es in keiner Weise. Aber natürlich erleben wir Nachteile. Man erwartet heute einerseits, richtigerweise, dass Frauen in allen Bereichen vertreten sind. Und dass diese Diversität, wie man so schön sagt, uns bereichert. Aber andererseits gibt es natürlich Bereiche, in denen es Frauen schwerer haben, weil sie dort erst einmal neue Muster prägen müssen. In einem Punkt hatte ich es in der Politik als Frau sogar leichter. Von einem Bundeskanzler wird traditionell erwartet, dass die Frau an seiner Seite sich ehrenamtlich engagiert. Bei mir und meinem Mann war das nicht so. Er geht seiner Arbeit als Wissenschaftler nach, und ich mache meine. Und das ist schneller akzeptiert worden, als wenn es – wie bislang immer – der umgekehrte Fall gewesen wäre.