Die Kanzlerin schenkt ein: Angela Merkel und Jana Hensel kurz vor dem Interview. © Dominik Butzmann für DIE ZEIT

ZEIT: Trotzdem mussten Sie zum ersten Mal definieren, was es bedeutet, Bundeskanzlerin zu sein.

Merkel: Gott sei Dank sind nicht alle Dinge des Lebens für einen Mann anders. Eine Amtsführung hat auch geschlechtsneutrale Komponenten. Aber natürlich, beispielsweise das äußere Erscheinungsbild, wie verhält man sich...

ZEIT: ...wie verhandelt man als Frau mit Männern, wie kommuniziert man vor allem in Konfliktsituationen...

Merkel: ...eine Frauenstimme ist nicht so dunkel und kräftig wie eine Männerstimme. Autorität auszustrahlen ist für eine Frau etwas, das man erst lernen muss. Und natürlich gab es dann auch noch die Diskussion darüber, wie ich mich kleide.

ZEIT: Auch das: Ihr Stil ist zu Beginn Ihrer Amtszeit eine ganz komplizierte Frage gewesen. Ich weiß, das hören Sie nicht gern, aber ich würde sagen, Sie sind in der Klärung all dieser mitunter kleinen, mitunter großen Fragen zum wichtigsten weiblichen Role-Model der Gegenwart geworden.

Merkel: Na ja, das ist ein wenig übertrieben. Dazu haben auch andere Frauen in der Politik erheblich beigetragen: Hillary Clinton, Theresa May. Margaret Thatcher war weit vor unserer Zeit. Und auf einer ganz anderen Ebene hat auch die Queen über die Garderobe viele Dinge definiert. Aber einen Beitrag habe ich auch dazu geleistet. Ganz automatisch.

ZEIT: Ganz automatisch?

Merkel: Manche Dinge erregen einfach Aufmerksamkeit. Für einen Mann ist es überhaupt kein Problem, hundert Tage hintereinander einen dunkelblauen Anzug zu tragen, aber trage ich innerhalb von zwei Wochen viermal den gleichen Blazer, dann erzeugt das Bürgerpost.

ZEIT: Wer schreibt Ihnen denn da?

Merkel: Da schreiben einfach Menschen.

ZEIT: Was? "Frau Bundeskanzlerin, können Sie sich nicht einmal etwas Ordentliches anziehen?"?

Merkel: Nein, das schreiben sie nicht, aber es fällt ihnen auf. Und mit solchen Reaktionen muss ich natürlich umgehen.

ZEIT: Den Chauvinismus, den Sie im Amt erlebten, haben Sie jedoch nie thematisiert?

Merkel: Nein, das ist eine grundsätzliche Einstellung. Ich glaube, dass man als Politikerin oder Politiker einstecken können muss, dass man diesen Beruf nur ausüben kann, wenn man nicht zu schnell getroffen ist. Man muss sich auf die Sachaufgaben konzentrieren. Den Rest nehme ich zur Kenntnis.

ZEIT: Ihre pragmatische Art, mit solchen Fragen umzugehen, erschien mir stets als eine ostdeutsche Prägung. Auch Ihr Selbstbewusstsein als Frau, ist das etwas Ostdeutsches?

Merkel: Da bin ich sehr zurückhaltend. Eine wirkliche Gleichberechtigung gab es auch in der DDR nicht. Dass nie ein Vollmitglied des Politbüros weiblich war, dass es keine Kombinatsleiterin gab, das zeigte doch, dass dort, wo die wichtigen Entscheidungen getroffen wurden, Männer saßen. Sicherlich gab es eine pragmatischere Einstellung zu technischen Berufen, aber das hing auch mit der staatlichen Lenkung zusammen. Ob all die Frauen aus freien Stücken Ingenieurtechnik und Zerspaner studiert oder gelernt hätten? Da bin ich mir nicht sicher. Das lag doch eher am Fachkräftemangel und an der überhaupt mangelnden Effizienz der DDR-Wirtschaft.

ZEIT: Sie glauben, weil in der DDR alles staatlich gelenkt wurde, fiel es der Gesellschaft leichter, klassische Rollenmuster aufzubrechen?

Merkel: Ja, das würde ich so sagen. Natürlich war die Vereinbarkeit von Beruf und Familie sehr viel selbstverständlicher. Aber wenn man hinter die Kulissen geschaut hat, wurde schnell klar, dass die Erziehungs- und Hausarbeit sehr stark an den Frauen hängen blieb. Kombinatsdirektoren und Politbüro-Mitglieder waren eben Männer, und das waren natürlich auch die prägenden Rollenmodelle. Da war die DDR nicht vorbildlich, finde ich.

ZEIT: Aber Frauen haben viel stärker am Arbeitsmarkt partizipiert.

Merkel: Das stimmt, und das hat natürlich das Selbstverständnis der Frauen geprägt. Aber man war eben auf die Frauen auch angewiesen, man brauchte ihre Arbeitskraft. Und es war ein subtiles Instrument, um zu verhindern, dass aus irgendeiner Gruppe der Gesellschaft jemals Widerstand hätte kommen können.

ZEIT: Wie meinen Sie das?

Merkel: Na ja, wer jeden Tag arbeiten ging und einem Kollektiv angehörte, war unter Beobachtung. Dass möglichst viele Menschen derart in öffentlich-gesellschaftliche Strukturen eingebunden waren, war erzieherisch gewollt. Die Tatsache, dass in der DDR die meisten Frauen arbeiten gingen, gehorchte seitens des Staates keinem wirklich menschenrechtlichen emanzipatorischen Anspruch, produzierte dennoch aber eine gewisse ökonomische Gleichberechtigung und ein ähnliches Selbstbewusstsein beider Geschlechter. Ich kann mich aber auch noch gut an viele Diskussionen und Auseinandersetzungen, die viele Männer und Frauen ständig führten, erinnern, dass man ja arbeiten gehen musste. Wer das mal für eine Weile lang nicht wollte, galt doch schnell als asozial.

ZEIT: Wären Sie damals gern einmal aus dem Arbeitsleben ausgestiegen?

Merkel: Nein, aber ich kannte Leute, die das gern gemacht hätten, weil sie etwa als Künstler tätig sein wollten. Aber eine solche Entscheidung wurde einem nicht leicht gemacht. Die DDR als Gesellschaft hat sich – in der Natur ihres Systems – viel zu wenig mit der individuellen Entwicklung befasst, sondern eher mit der kollektiven. Je weniger Individualität sichtbar wurde, umso weniger Ärger hatte man. Je individueller man ausgeprägt war, umso näher kam man der Grenze zum Problemfall.