Die Tiefen der Meere gehören zu den am wenigsten erforschten Regionen der Erde. Unzählige Arten und ihre Funktionen im Ökosystem sind bis heute noch nicht entdeckt. Das erschwert es natürlich, abzuschätzen, wie in der Zukunft die Ozeane aussehen. Hinzu kommen die gewaltige Ausdehnung der Meere und die Unzugänglichkeit vieler Hochseegebiete. Oft fehlt es an Daten und Langzeitbeobachtungen, um genaue Aussagen zu treffen über die Folgen von Verschmutzung oder Klimawandel.

So sind alle Angaben über die Menge an Plastik in den Meeren Schätzungen oder Hochrechnungen. Niemand weiß genau, wie viel dort herumtreibt und wo genau. Fest steht allein, dass, gemessen an der Menge, die jährlich in die Ozeane gelangt, deutlich mehr Müll sichtbar an der Oberfläche treiben müsste. Viele Plastikteile sinken vermutlich zum Meeresgrund, liegen an Stränden begraben oder befinden sich in den Mägen von Seevögeln, Fischen und Meeressäugern. Auch das sind allerdings Annahmen. Ungeklärt ist darüber hinaus, wie man die Ozeane wieder vom Müll befreien könnte. Erst vor wenigen Wochen erlitt beispielsweise das Projekt Ocean Cleanup einen Rückschlag. Dabei sollte getestet werden, ob ein langer Fangarm das Wasser selbstständig von Plastik säubern kann. Von der Anlage war ein 18 Meter langes Stück auf hoher See abgebrochen.

Unbekannt ist auch, wie der Artenschutz im Meer sichergestellt werden soll. Laut UN-Biodiversitätsabkommen sollen zum Erhalt der Artenvielfalt bis 2020 zehn Prozent der Meeresfläche zum Schutzgebiet werden. Zum einen hinken viele Länder dieser Vorgabe hinterher, zum anderen dürfte die Zielgröße kaum ausreichen. Ein Beispiel: Zwar gelten knapp 30 Prozent der EU-Küstengewässer als geschützt, doch auf gut der Hälfte dieser Fläche werden noch Grundschleppnetze eingesetzt. Auch decken sich global ausgewiesene Meeresschutzgebiete kaum mit den Verbreitungsgebieten vieler bedrohter Arten. Eine Reduktion der Beifänge könnte ebenfalls zu deren Erhalt beitragen. Doch es mangelt an technischen Lösungen. "Wir können nur die besonders 'schmutzigen' Fangmethoden stark einschränken", sagt der Wissenschaftler Boris Worm von der kanadischen Dalhousie-Universität.

Dass sauberes Meerwasser wichtig ist für die biologische Vielfalt, steht fest. Ebenso, dass der Sauerstoffgehalt ein guter Indikator dafür ist. Unklar ist jedoch, ob sich sauerstoffarme Todeszonen zurückbilden können – und wenn ja, unter welchen Bedingungen. In einigen Fällen ist das geschehen. Etwa in der Chesapeake Bay, der größten Flussmündung der USA. Dort blühen heute Seegraswiesen, wo einst kaum Leben war. In der Ostsee hingegen wächst die Todeszone, obwohl die Nährstoffzufuhr seit Ende der 1980er-Jahre sogar halbiert wurde. Die Zusammenhänge sind bis heute noch nicht ganz verstanden. Forscher vermuten, dass chemisch-biologische Prozesse den Sauerstoffverlust verstärken und so verhindern, dass sich die Ostsee regeneriert.

Die größte Unbekannte ist jedoch die globale Erwärmung, weil niemand weiß, wie stark sich unser Planet noch aufheizen wird. Selbst wenn die Menschheit schon morgen aufhörte, fossile Brennstoffe zu verfeuern, würden sich die Erde und die Ozeane noch Jahrzehnte erwärmen.

Damit wird auch der Sauerstoffverlust im Ozean voranschreiten. In welchem Ausmaß, lässt sich jedoch nicht beziffern. Die Folgen könnten gravierend sein: In Regionen ohne Sauerstoff laufen mikrobielle Prozesse ab, die den Nährstoffhaushalt des gesamten Ozeans kontrollieren. "Die Ausdehnung der Todeszonen könnte die Produktivität der Meere langfristig verändern", so Andreas Oschlies vom Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel.

Die Meere erwärmen sich immer schneller. Unklar ist, ob etwa Korallen genügend Zeit verbleibt, sich an die neuen Lebensbedingungen anzupassen. Schon heute erholen sich die meisten Riffe nach einer Korallenbleiche nicht. Und je höher die Temperatur im Ozean steigt, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit für noch größere Hitzewellen in immer kürzeren Abständen. Werden Korallen das 21. Jahrhundert überleben? Verena Schoepf, die am australischen ARC Centre of Excellence for Coral Reef Studies forscht, sagt: "Hoffnung besteht für Korallen, die hohe und schwankende Wassertemperaturen gewohnt sind." Für alle anderen kaum. Mühevoll herangezogene Korallensetzlinge werden die Riffe vermutlich nicht retten können.

Die Tiefsee schließlich bleibt das große Rätsel. Vom Grund der Meere haben Wissenschaftler erst einen Bruchteil erkundet. Viele unentdeckte Arten werden hier vermutet, und einige könnten verschwinden, bevor sie überhaupt entdeckt worden sind. Denn am Grund der Ozeane liegen Erze, die begehrte Metalle wie Kobalt, Kupfer, Gold oder Zink enthalten. Staaten und Unternehmen wollen die Bodenschätze abbauen, erste Tests laufen bereits. Welche Schäden der Tiefseebergbau in den betroffenen Gebieten verursachen würde, ist unvorhersehbar. Vermutlich bräuchten sie Jahrhunderte, um sich zu erholen. Konkrete Vereinbarungen zum Schutz und zum Erhalt des Ökosystems Tiefsee fehlen bislang. Anders als Metalle haben am Meeresgrund lebende Seegurken, Kraken oder Korallen keinen ökonomischen Wert, der klar in Euro zu beziffern wäre.

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