Robert Koldewey (1855-1925), 1917 in seinem Magazin in Babylon

Alles in der Welt ist Wettkampf. Immer geht es darum, zu zeigen, wer der Beste ist. Die Mittel des Wettkampfes sind unterschiedlich, Krieg ist sehr verbreitet, aber auch durch technische Glanzleistungen, künstlerische Hervorbringungen und wissenschaftliche Exzellenz kann man sich hervortun. Am besten ist es natürlich, wenn man auf allen Feldern gleichermaßen glänzt, die Streitkräfte ebenso gute Rezensionen bekommen wie die wissenschaftlichen Enzyklopädien. Ob Krieg oder Wissenschaft: Immer geht es darum, etwas ganz genau wissen zu wollen.

Als Deutschland, die verspätete Nation, für sich auch einen Platz an der Sonne beanspruchte, da hatten die europäischen Konkurrenten die Welt längst unter sich aufgeteilt. Als Kolonialmacht war Deutschland ein Nachzügler, aber die Welt ist nicht nur Raum, sondern auch Zeit, und die Vergangenheit kann man sich aneignen, indem man sie ausbuddelt.

Wenn sich die Engländer mit der East India Company ihr Empire geschaffen hatten, dann war die wilhelminische Antwort die Deutsche Orientgesellschaft: Erkenntnisstreben statt Krämergeist. Gegründet 1898, seit 1901 unter Schirmherrschaft Seiner Majestät Wilhelms II. Zu den bedeutendsten Mäzenen der Gesellschaft gehörte der Unternehmer und Kunstfreund James Simon, an dessen für das Kulturleben der Reichshauptstadt so wichtigen Beitrag die von David Chipperfield erbaute James-Simon-Galerie auf der Museumsinsel erinnert.

Man kann die Neue Welt erobern oder die Alte. Im letzteren Fall gehört einem dann ein Mythos, der vom Uranfang aller Zeiten erzählt. Die Engländer hatten schon Ninive ausgegraben (also etwas, das eher wie ein sagenhafter Zauberspruch klingt als real erwiesen), die Franzosen in Susa auf einer Stele den ältesten überlieferten Gesetzeskodex der Welt, den von Hammurabi, entdeckt und im Louvre ausgestellt, als die Deutsche Orientgesellschaft den Architekten und Kunsthistoriker Robert Koldewey mit erheblichen finanziellen Mitteln ausstattete und ins Zweistromland schickte, wo dieser zwischen 1899 und 1917 das legendäre Babylon mit seinem Hybris-Turm, von dem die Bibel berichtet, aus dem mesopotamischen Wüstensand ausgrub. Wer die Wiege der Zivilisation freilegte, durfte sich selbst als legitimer Statthalter der Weltzivilisation fühlen.

Man könnte sagen: Der letzte deutsche Kaiser mit seinem Orientfimmel verfolgte zwei geopolitische Prestigeprojekte – die Ausgrabung Babylons und die Bagdadbahn. Beide Projekte waren gegen England gerichtet. Davon erzählt jetzt die deutsche Autorin Kenah Cusanit in ihrem Debütroman Babel. Aber sie tut es nicht in der Form des historischen Romans, der an die Stelle geschichtlicher Komplexität und unüberschaubarer Wechselwirkungen einen personalisierten Plot mit Anfang, Mitte und Ende setzt, sondern sie erfindet sich eine literarische Sprache, deren Stärke darin liegt, Ambivalenzen und Mehrdeutigkeiten zu erhöhen. Kausalitäten gibt es in diesem Roman nur in der Form eines hauchdünnen Spinnennetzes, das sich über die Welt legt und stets als Ganzes erzittert, wenn sich irgendwo jemand räuspert. Manchmal hat man beim Lesen das Gefühl, als würde Cusanit die Augen so lange zusammenkneifen, bis ihre Romanwelt zu flimmern beginnt wie eine Fata Morgana in der Wüste. Weshalb man diesen flirrenden Roman nicht zusammenfassen kann, ohne Gefahr zu laufen, die tanzenden Ambivalenzen durch Eindeutigkeit platt zu walzen.

Robert Koldewey sitzt in seinem Arbeitszimmer am Euphrat und starrt zum Fliegengitter, vor sich Liebermeisters Grundriss der inneren Medizin, denn er leidet an einer Blinddarmentzündung. Wer als Universalgelehrter gerade die Fundamente der Bibel ausgegraben hat, also über ein besonderes Gespür für die Verbindungslinien zwischen Texten und Realien verfügt, kann sich schon auch mal mithilfe von Liebermeisters "Grundriss" selber diagnostizieren. Es könnte aber auch sein, dass sich Koldewey im Bewusstsein seiner historischen Größe einen Moment exzentrischer Lethargie gönnt – so wie man von den Engländern ja sagte, ihnen sei das Empire in einem Anflug von Geistesabwesenheit zugefallen. Es sind solche Verbindungslinien, die Cusanit nirgends ausspricht, aber sie schafft Echoräume, in denen es zu erstaunlichen Halleffekten kommt.

Während Koldewey sich also in blasierter Bewegungslosigkeit übt, damit es nicht zu einem Blinddarmdurchbruch kommt, stapeln sich im Innenhof der Grabungsstätte Tausende von gebrannten Ziegeln, nummeriert und in Kartons verpackt, die darauf warten, abtransportiert zu werden, vom Euphrat übers Rote Meer bis zum Kupfergraben in Berlin, wo in den Königlichen Museen das berühmte Ischtartor wieder aufgebaut werden soll, das Koldewey gerade ausgegraben hat.