Josef Mengele betritt die Bühne des Dresdner Staatsschauspiels. Noch ist der Zuschauerraum leer, noch wird der Auftritt des Lagerarztes von Auschwitz nur geprobt. Die Schauspielerin, die ihn verkörpert, trägt an diesem Tag im Januar noch keine Metzgerschürze, sondern einfach nur Hemd und Hose. Neben Mengele steht ein Mann mit dem Namen Höggenland, offenbar eine Mischung aus Björn Höcke und Alexander Gauland. Also eine Art Super-Anführer der Neuen Rechten.

Höggenland beklagt sich jetzt bei Mengele, um ihn herum entstehe ein "islamischer Kindergarten". Denn: "Während unsere Leute unzählige Male fragen müssen, bevor unsere Frauen sich willig zeigen, wird unter Fremden drauflosgevögelt!"

Das könne man ändern, sagt Mengele.

"Was ist der Plan, Doc?", fragt Höggenland.

"Kaliumbromid." Ein Medikament, mit dem die Libido der Fremden gebremst werden könne, wie der Arzt von Auschwitz dem Anführer der AfD erklärt. "Du kannst nicht. Egal, wie sehr du willst. Pille rein, Ruhe ist."

Im Parkett des Theaters sitzt ganz vorn ein Mann und schaut stumm zu, wie die AfD bei einem Nazi-Massenmörder die chemische Kastration von Migranten bestellt. Er trägt ein feuerrotes Hemd, hat eine Glatze und ist fast zwei Meter groß. Der Regisseur Volker Lösch ist ein Perfektionist, ein Detailversessener, das sagt er selbst von sich. Er springt gern auf, ruft "Stopp mal, stopp mal, stopp mal!" nach oben auf die Bühne und will Wörter anders betont, Sätze anders gesprochen haben. Aber diese Szene sieht er sich in aller Ruhe an. Er wirkt jetzt zufrieden.

Das Stück, das Volker Lösch in Dresden inszeniert und das am Samstag, zwei Tage nach Erscheinen dieses Artikels, Premiere haben wird, heißt Das Blaue Wunder. Lösch hat es selbst geschrieben, zusammen mit zwei Theaterautoren. Es ist eine Groteske, teils Slapstick, teils heiliger Ernst, sie soll ein Deutschland der Zukunft zeigen, ein Deutschland, in dem die AfD die Macht ergriffen hat. Und in dem es dieser Partei innerhalb kürzester Zeit gelungen ist, eine Diktatur zu etablieren.

In Volker Löschs AfD-Reich werden Frauen unterdrückt und vergewaltigt, es werden Ausländer erschossen, ersäuft und ausgehungert, Schwule werden hingerichtet, Schwache verprügelt, Flüchtlinge zurück ins Meer geschickt. Es gibt in diesem Reich auch ein Buch, nach dem sich alle richten sollen. Das Buch heißt nicht Mein Kampf; es heißt Das Blaue Buch. Blau, wie die Parteifarbe der AfD. Diese Bibel der Bewegung versammelt echte Aussagen von AfD-Funktionären, dazu Originalzitate aus Wahlprogrammen der Partei. Im Lauf des Theaterabends tragen die Schauspieler immer wieder daraus vor.

Als Höggenland und Mengele den Kampf gegen die Gebärfreude der Ausländer aufnehmen, liest eine Schauspielerin aus dem AfD-Programm zur Landtagswahl in Sachsen 2014 vor: "Ziel einer Familienpolitik der AfD Sachsen ist, die wertestiftenden Funktionen der Familie zu stärken und die Geburtenrate zu erhöhen."

Ein anderes Mal wird dies verlesen: "Prediger Höcke, Vers 11" – der Jubel des Björn Höcke nach dem Einzug der AfD in den Landtag von Thüringen, ebenfalls von 2014. "Wir fangen jetzt erst an! Diese Partei wird zu einer blauen Bewegung werden, die unser gesamtes Vaterland in eine bessere Zukunft führen wird."

Die Mahnung, die Volker Lösch an die Zuschauer richten möchte: Seht her, was diese Partei im Sinn hat! Es steht alles in ihren Wahlprogrammen. Macht euch bewusst, dass am Ende die rechte Diktatur errichtet werden kann!

Man könnte als Journalist nun fragen, ob dieser Ansatz hilfreich ist in der Debatte um die Neue Rechte. Man muss diese Frage allerdings gar nicht stellen. Sie stellt sich von allein.