Wenn alles so einfach wäre, wie es sein könnte, würde es für Alexander von Gudenberg sehr gut laufen. Zwanzig Kilometer von Kassel entfernt, in den letzten Ausläufern des Habichtswalds, liegt sein Institut für Stottertherapie. In der 6000-Einwohner-Gemeinde Bad Emstal hat von Gudenberg, 61, mit seinen Mitarbeitern eine Stottertherapie entwickelt, die komplett online funktioniert. Sogar in Ägypten, Russland, der Türkei und Kuwait wurden damit schon Patienten behandelt. Ein digitales Vorzeigeprojekt aus dem ländlichen Nordhessen.

Doch von Gudenberg hat ein Problem: Ein digitales Unternehmen braucht eine schnelle Internetverbindung. "Seit einem halben Jahr laufen alle unsere Programme webbasiert, und gleichzeitig finden Therapien per Video-Chat statt. Da bricht häufiger alles zusammen", sagt von Gudenberg. Ungefähr sechs Megabit Daten pro Sekunde überträgt seine Leitung, eine Geschwindigkeit, bei der es schwierig ist, online einen Film in hoher Auflösung anzuschauen. Rund 500 Euro bezahlt die Stottertherapie dafür im Monat an die Telekom. "Eine andere Möglichkeit, überhaupt Internet zu bekommen, gab es für uns nicht", sagt von Gudenberg. Seit acht Jahren kämpft er für einen besseren Anschluss. Nun hat er ein Start-up gegründet, um die Firma weiterzuentwickeln, in Berlin.

Ein digitaler Arbeitgeber verlässt eine strukturschwache Region und geht nach Berlin? Genau solche Entwicklungen will die Bundesregierung eigentlich mit dem Breitbandausbau verhindern. "Ich bin davon überzeugt, dass die Zukunft der ländlichen Räume ganz wesentlich davon abhängt, dass die technischen Möglichkeiten dort dieselben sind wie in den städtischen Gebieten", sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel schon im Jahr 2009. Seitdem sind etliche Ausbauziele für schnelles Internet ausgerufen worden. Passiert aber ist wenig.

Zuletzt sahen die Pläne der Bundesregierung vor, dass 2018 jeder Haushalt mit mindestens 50 Megabit pro Sekunde versorgt ist. In ländlichen Regionen aber war es nicht einmal jeder zweite. Dennoch hat Verkehrsminister Andreas Scheuer als neues Ziel schon die "Gigabit-Gesellschaft" bis 2025 ausgerufen und dafür in den nächsten vier Jahren bis zu 12 Milliarden Euro bereitgestellt. Doppelt so schnell soll das Internet bis dahin werden. Möglichst mit einem eigenen Glasfaseranschluss für jeden. Bisher haben nur 8,5 Prozent der Haushalte einen solchen zur Verfügung.

Seit der Öffnung des Telekommunikationsmarktes 1989 ist der Breitbandausbau vor allem Sache der Unternehmen. Der Staat kann laut Gesetz nur fördern, wenn Netzbetreiber nicht selbst ausbauen. Doch deren Interesse, auf eigene Kosten ein Glasfasernetz aufzubauen, scheint begrenzt – vor allem in Regionen, in denen es weniger Kunden gibt als in den Ballungsräumen. Für die Deutsche Telekom etwa ist es eine einfache Rechnung: Je länger die alten Kupferkabel im Boden bleiben und neue Investitionen aufgeschoben werden können, desto besser. Wirtschaftlich gesehen ist das verständlich. Doch wird das Internet davon nicht schneller.

Die Telekom unterstütze das Ziel der Bundesregierung beim Glasfaserausbau mit aller Kraft, heißt es in einer schriftlichen Antwort auf Anfrage der ZEIT. Es folgen einige Zahlen, die beeindrucken sollen: Bis Ende 2018 sollten 60.000 Kilometer Glasfaser verlegt worden sein, ab 2021 sollen jährlich 2 Millionen Haushalte mit einem Anschluss versorgt werden. Mit anderen Worten: Wenn die Gigabit-Gesellschaft nicht rechtzeitig komme, liege es jedenfalls nicht an der Telekom.

Für Kommunen, in denen es sich für die Netzbetreiber nicht lohnt, selbst Netze zu verlegen, gibt es staatliche Fördermittel. Bisher scheinen die aber nicht so richtig abzufließen. 115 Millionen Euro seien bisher insgesamt an Kommunen ausgezahlt worden, heißt es aus dem Bundesverkehrsministerium auf Anfrage der ZEIT. Von den insgesamt 4,4 Milliarden Euro, die schon in der vergangenen Legislaturperiode zur Verfügung standen, sind das weniger als drei Prozent.