DIE ZEIT: Herr Flügge, neun Jahre lang waren Sie Richter in Den Haag. Lange Zeit waren Sie am Internationalen Gerichtshof tätig, der sich mit Kriegsverbrechen im ehemaligen Jugoslawien beschäftigte. An einem Gericht, das dieses Tribunal abgelöst hat, sind Sie noch heute Richter. Plötzlich, vor wenigen Tagen, haben Sie Ihren Rücktritt angekündigt. In Ihrem Brief an den Generalsekretär der Vereinten Nationen führen Sie "persönliche Gründe" an. Was ist passiert? 

Christoph Flügge: Ich habe in der Tat persönliche Gründe für meinen Rückzug, aber das ist nicht alles. Es gibt einen Vorgang, der mich zutiefst beunruhigt: die Verletzung der richterlichen Unabhängigkeit mithilfe der Vereinten Nationen. Einer meiner erfahrenen Richterkollegen, der Türke Aydın Sefa Akay, wurde entlassen, nur weil die türkische Regierung ihn weghaben wollte.

ZEIT: Was wurde ihm vorgeworfen?

Flügge: Die Türkei behauptete, dieser Richter habe zur Gülen-Bewegung gehört, die von der Regierung in Ankara für den Putschversuch gegen Präsident Erdoğan verantwortlich gemacht wird. Der Richter Akay wurde in der Türkei verhaftet, ihm wurde die Mitgliedschaft in einer terroristischen Organisation vorgeworfen. Auf seinem Handy soll eine App gefunden worden sein, die angeblich auch Gülen-Aktivisten benutzten. Dafür saß er, der als Richter eines UN-Tribunals Immunität genießt, mehr als ein Jahr in Untersuchungshaft. Später wurde er in erster Instanz zu siebeneinhalb Jahren Freiheitsstrafe verurteilt, dann auf freien Fuß gesetzt, ohne das Land verlassen zu dürfen. Das Urteil ist nicht rechtskräftig. Als die Vereinten Nationen im Sommer letzten Jahres über die Verlängerung der Amtszeit aller Richter zu entscheiden hatten, legte die Türkei ihr Veto gegen den Richter Akay ein. Wir, die anderen Richter, haben sofort protestiert. Aber seine Amtszeit wurde vom Generalsekretär der Vereinten Nationen trotzdem nicht verlängert. Damit ist er draußen.

ZEIT: Was haben Sie persönlich dagegen unternommen?

Flügge: Ich habe an den Leiter der Rechtsabteilung der Vereinten Nationen geschrieben, aber nie eine Antwort bekommen. Es ist unfassbar, dass der Türkei dieser Rauswurf mit einer fadenscheinigen Begründung gelungen ist.

ZEIT: Ist denn der Einfluss eines einzelnen Landes auf die Vereinten Nationen so groß?

Flügge: So sieht es aus. Bei der Neubesetzung der frei gewordenen Stelle wählte die Generalversammlung der Vereinten Nationen im Dezember aus einer großen Zahl von Kandidaten ausgerechnet den Richter, den die Türkei vorgeschlagen hatte. Damit wurde die Türkei für ihr politisches Manöver auch noch belohnt. Offenbar haben die Diplomaten bei den Vereinten Nationen, die solche Dinge aushandeln, nicht verstanden, dass es um ein internationales Gericht geht, nicht um den Weltpostverein. Die diplomatische Welt hat offenbar keine Vorstellung davon, was eine unabhängige Justiz wert ist. Das ist alarmierend.

ZEIT: Das klingt ein bisschen so, als beschrieben Sie den Weltfußballverband Fifa, in dem die Vetternwirtschaft regiert. Die Vereinten Nationen stellt man sich anders vor.

Flügge: Die Fifa kann ich nicht beurteilen. Sie können mir aber glauben, dass auch eine Reihe kompetenter Mitarbeiter bei den Vereinten Nationen nicht davon begeistert ist, was dort geschehen ist. Der Präsident unseres Gerichtshofes hat ebenfalls protestiert.

ZEIT: Und wie geht es weiter? Augen zu und durch?

Flügge: Das Gericht muss natürlich bestehen bleiben und seine Aufgaben erfüllen. Aber meine Lust, weiterzuarbeiten, hat sich durch diesen skandalösen Fall nicht gerade erhöht.

ZEIT: Übertreiben Sie nicht? Ein einziger Fall, der Ihnen gegen den Strich geht, und schon geben Sie auf?

Flügge: Jeder Einzelfall, bei dem gegen richterliche Unabhängigkeit verstoßen wird, ist einer zu viel. Jetzt gibt es diesen Fall, und in Zukunft kann sich jeder darauf berufen. Jeder kann sagen: Der Türkei habt ihr doch auch gestattet, sich durchzusetzen. Dies ist ein Sündenfall. Der ist nicht reparabel.

ZEIT: Halten Sie es für möglich, dass ein solcher Fall die internationalen Strafgerichte schwächen kann?

Flügge: Genau dies wird die Folge sein. John Bolton, der Sicherheitsberater des amerikanischen Präsidenten, hielt im vergangenen September eine Rede, in der er dem Internationalen Strafgerichtshof den Tod wünschte. Wenn sich diese Richter jemals in Angelegenheiten der USA einmischen oder gegen Amerikaner ermitteln sollten, dann werde die amerikanische Regierung alles daransetzen, dass diese Richter nicht mehr in die Vereinigten Staaten einreisen dürfen – und dass sie notfalls strafrechtlich verfolgt werden. Das hat der amerikanische Sicherheitsberater vor dem Hintergrund verkündet, dass in Den Haag Vorermittlungen gegen amerikanische Soldaten geplant waren. Ihnen wurde vorgeworfen, in Afghanistan Menschen gefoltert zu haben. Die amerikanische Drohung gegen internationale Richter beschreibt sehr deutlich das veränderte politische Klima. Das ist unfassbar. Eine solche Drohung hatte ich zuvor noch nie gehört.