Wenn die Gelbwesten demonstrieren, merkt man es auch hier. Dann fahren die U-Bahn-Züge ohne Halt durch die Geisterbahnhöfe im gesperrten Zentrum der französischen Hauptstadt. Dort ist das Team um den russischen Filmregisseur Ilya Khrzhanovsky gerade dabei, seinen sowjetischen Kunstsperrbezirk im Théâtre du Châtelet und im gegenüberliegenden Théâtre de la Ville aufzubauen, das eingeflogene Mobiliar aus der Stalinzeit zu installieren und Silikonpuppen in historischen Sowjetkostümen aufzustellen, die so echt aussehen, als könne die Vergangenheit jederzeit wieder erwachen. Manche haben sogar warme Hände.

Und um so einen warmen Händedruck mit der Vergangenheit geht es hier. Es geht um 40.000 Kostüme, um historische Lockenwickler und Stempelkissen, um Eisbärfelle und Wodka, um Pelzmäntel und Zigarettenspitzen. Es geht um ein russisches Ausstattungsdelirium, das einem Angst machen kann, weil man die Grenze zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Lebenden und Toten plötzlich aus den Augen verliert.

In den kommenden Wochen werden die Pariser, die zuvor einen persönlichen Fragenkatalog beantwortet und zwischen 35 und 150 Euro Eintritt bezahlt haben, für sechs, zwölf oder vierundzwanzig Stunden Visa für dieses virtuelle Sowjetreich mitten in Paris erhalten und, eingestimmt durch die elektronischen Klangteppiche von Brian Eno, eine Zeitreise in das Moskau der Jahre 1938 bis 1968 machen, in eine Welt der Gewalt, der Überwachung, des Kollektivismus und der Extreme.

Was genau passiert, nachdem man den Pariser Januar 2019, in dem die Gegensätze so hart aufeinanderstoßen, verlassen hat und ins Bild- und Klangbad der beiden traditionsreichen Theater eingetaucht ist, entscheidet ein Algorithmus, der, abhängig von den Antworten im Fragebogen, jedem Besucher einen anderen Weg durch das DAU-Gesamtkunstwerk vorschreibt. Nachdem er einige der insgesamt 13 DAU-Filme gesehen hat, wird er vielleicht in ein Konzert von Teodor Currentzis, zu einem Vortrag oder einer Performance von Marina Abramović eingeladen. Oder er wird zu einem schamanischen Ritual gebeten. Oder er soll in einer der vielen schwarzen Gesprächskabinen einen Priester, einen Imam oder einen Popen zum nachbereitenden Vieraugengespräch treffen. Nichts ist angekündigt, nichts steht fest, über nichts darf gesprochen werden. Sicher ist nur: Das Smartphone muss am Eingang in ein DAU-Phone eingetauscht werden, das den Besucher durch das Labyrinth dieses sagenumwobenen Projektes führt, das am 24. Januar in Paris Weltpremiere hat.

Seit Monaten wird gerätselt, was dieses seltsame DAU-Projekt ist, für das der Regisseur Ilya Khrzhanovsky Wissenschaftler, Nobelpreisträger und Künstler wie Teodor Currentzis, Peter Sellars, Romeo Castellucci und Marina Abramović als Mitwirkende gewinnen konnte. Manche sehen in dem unübersichtlichen Unternehmen, für das rund 400 Menschen drei Jahre lang in einem nachgebauten, von der Welt abgeschlossenen wissenschaftlichen Institut in Charkiw sowjetisches Leben täuschend echt simuliert haben, einen großen Bluff. Andere halten es für eine Revolution der Kunst, wie es sie zuletzt vor hundert Jahren gab, als der Surrealismus in Paris alle Konventionen über den Haufen warf und der Russe Sergej Djagilew die Pariser mit seinen Ballets Russes im Théâtre du Châtelet verzauberte.

In Berlin, wo die DAU-Weltpremiere eigentlich im vergangenen Herbst stattfinden sollte, war das Projekt nicht nur wegen der Mauer, die das Team zwischen Kronprinzenpalais und Werderschem Markt wieder aufbauen wollte, sehr umstritten und scheiterte trotz der Unterstützung von Kulturstaatsministerin Monika Grütters an der Berliner Bezirkspolitik. Paris erfüllt dem russischen Experiment zwar auch nicht alle städtebaulichen Wunschträume (Ilya Khrzhanovsky wollte ursprünglich eine Brücke zwischen den beiden Theatern bauen), gibt sich aber wesentlich begeisterter als die deutsche Hauptstadt. Ruth Mackenzie, die resolute Direktorin des Théâtre du Châtelet, erzählt jedem, der in diesen Tagen in ihr Theater kommt, dass DAU weder Kino noch Kunst, sondern einfach ein einzigartiges, noch nie da gewesenes Erlebnis sei, eine Pariser Sensation.

Aber was ist DAU, für das der russische Mäzen Sergej Adonjew in den letzten zehn Jahren sehr viele Millionen Euro bezahlt haben soll? Fragt man den 43-jährigen Regisseur, der, freundlich, entspannt, charmant, spätnachts noch im Shitty Hole, der schwarz ausgemalten Bar des DAU-Teams, in einer Art napoleonischem Russlandfeldzug-Mantel auftaucht, bekommt man keine Antwort. Ilya Khrzhanovsky, der sich niemals zitieren lässt und keine autorisierten Interviews gibt, findet, dass Begriffe, mit denen man sein Werk beschreibt, nur "Bullshit" sind, nichts als Worte, die im nächsten Augenblick wieder etwas anderes bedeuten können. Nicht auf das Ergebnis komme es an, sondern auf die Reise, auf die man sich begebe. Nicht einmal die Rekonstruktion der Sowjetunion sei wirklich von Bedeutung. Man hätte das DAU-Raumschiff, sagt die Produzentin Martine d’Anglejan-Chatillon, im Prinzip überall installieren können, in einem Ashram, in einem Schweigekloster oder auf dem Mount Everest. Die UdSSR sei für das existenzielle Experiment, das DAU vor allem ist, vollständig entbehrlich. Sie sei nur ein Spiegel, in dem jeder sich selbst entdecken könne.

Angefangen hat DAU mit dem Plan, einen konventionellen Kinofilm über den russischen Physiker Lew Landau (1908–1968) zu drehen, für den der russische Autor Viktor Sorokin das Drehbuch geschrieben hat. Landau, sein Kurzname war Dau, arbeitete als Professor für theoretische Physik am Wawilow-Institut in Moskau (im Film wird er gespielt vom Dirigenten Teodor Currentzis), er glaubte an die freie Liebe, baute mit an der Wasserstoffbombe, erhielt mehrfach den Stalin-Preis, wurde dennoch inhaftiert und wieder freigelassen.