Ein Restaurant in Berlin-Mitte, im Hinterzimmer wartet ein Mann in Camouflage-Hosen und Sakko, höflich, gut gelaunt. Für manche ist Dendemann der beste und humorvollste Rapper im deutschen Hip-Hop. Von ihm stammen Zeilen wie "Reime sind für mich nur die Geister, die ich rief / auf der Suche danach werde ich zum Meisterdetektiv". Der 44-jährige ehemalige Studio-Musiker von Jan Böhmermann gilt als Perfektionist. Für sein neues Album "da nich für!" hat er neun Jahre gebraucht. Bei ihm muss jede Silbe sitzen. Aber was ist ein perfekter Reim?

DIE ZEIT: Dendemann, wie finden Sie den hier: Das ist der Daumen / der schüttelt die Pflaumen / der hebt sie auf / der bringt sie nach Haus / und der Kleine isst sie alle auf.

Dendemann: Der ist super.

ZEIT: Auch mit zweimal "auf"?

Dendemann: Das ist egal. Der Flow passt.

ZEIT: Dabei ist es doch nur ein Kinderreim.

Dendemann: Nicht nur. Reime und Humor sind Stilmittel, die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Einen Reim wie auch einen Witz kann man sich immer viel besser merken als einen normalen Satz. Und auch leichter weitererzählen.

ZEIT: Okay, noch ein Reim: Dem Vater grauset’s; er reitet geschwind / Er hält in Armen das ächzende Kind / Erreicht den Hof mit Mühe und Not / In seinen Armen das Kind war tot.

Dendemann: Warum diese Härte? Warum muss das Kind sterben? Ein bisschen absehbar, finde ich.

ZEIT: Liest man als Rapper eigentlich Gedichte, so zur Inspiration?

Dendemann: Nein. (er denkt einen Augenblick nach) Ja, doch. Das darf ich eigentlich gar nicht sagen. Mein Lied Hörma auf dem Album Vom Vintage verweht ist sehr, sehr inspiriert von dem Gedicht Dorlamm meint.

ZEIT: Von Robert Gernhardt.

Dendemann: Dichter Dorlamm lässt nur äußerst selten / andre Meinungen als seine gelten. Ich bin 2005 über dieses Gedicht gestolpert. Meine Mutter hat es mir aus der Zeitung ausgeschnitten. Das tut sie manchmal, wenn sie findet, dass etwas nach mir klingt. Dieses Gedicht ist mir einfach im Kopf geblieben. Den Gernhardt gibt’s aber nicht mehr, oder?

ZEIT: Leider nicht. Noch ein Reim: Yeah, ich kommuniziere mit Typen im Regelfall immer nur Coke-Rocks dealend / Yeah, ich kommuniziere mit Bitches im Regelfall immer nur Blowjobs kriegend / Yeah, Bitch, also provozier nicht, sonst wird es blutig wie’n Krokodil-Biss / Yeah, der einzige Ort, wo sich Bitches entfalten sollten, ist die Botox-Klinik.

Dendemann: Kollegah wahrscheinlich.

ZEIT: Stimmt. Gamechanger, aus dem Album Jung, brutal, gutaussehend 3.

Dendemann: Die Vergleiche von Kollegah sind in der Regel welche, die man gerne selbst genommen hätte. Also von der Konzeption her. Er versucht immer die Dreifaltigkeit von Doppeldeutigkeit, Wortspiel und mehrsilbigem Reim. Was die Sache auf dem Papier natürlich hervorragend macht. Unabhängig vom Inhalt.

ZEIT: Auf welche Reime anderer Rapper sind Sie neidisch?

Dendemann: Bei Ali As gibt es so ein paar Vergleiche und Reime, die ich selbst gerne gehabt hätte. "Unbezahlbar" auf "Bundesadler" zum Beispiel. Der letzte, den ich toll fand, war: Jetzt wollen sie reden, aber ich hab kein Interesse mehr / Zu viel um die Ohren wie Prinzessin Leia.

ZEIT: Woran erkennen Sie einen guten Reim?

Dendemann: Ich mag es zum Beispiel, wenn sich die Konsonanten in den Wörtern unterscheiden, aber gleiche Geräusche erzeugen. Nicht so sehr mag ich es, Umlaute auf Vokale zu reimen. Das finde ich schluderig. Obwohl ganz viele alte Dichter so gereimt haben. Ü auf ie. Frieden/lügen.

ZEIT: Können Sie sich noch an den ersten Reim Ihres Lebens erinnern?

Dendemann: Das wird einer von Heinz Erhardt gewesen sein. Der hat oft Doppelreime benutzt, die im Hip-Hop auch vorkommen: Er würgte eine Klapperschlang’ / bis ihre Klapper schlapper klang. Und Otto Waalkes fand ich toll. Ich habe früh einen Auftritt von ihm gesehen, der eigentlich nur aus einem Gedicht bestand, in dem er die Anfangsbuchstaben der Worte vertauschte, sehr nah an Heinz Erhardt, aber mehr gerappt.

ZEIT: Wie kamen Sie von Otto zum Rap?

Dendemann: Ich bin irgendwann hängen geblieben. Zuerst gab es eine Breakdance-Welle bei uns in der Schule im Sauerland. Mit 13 hörte ich dann Heavy Metal. Danach kam Public Enemy. Ich wusste, das hören die coolen Leute im Dorf. Ich kaufte mir die CD und fand die Musik erst mal nicht sehr zugänglich. Irgendwann verordnete mir ein Mitschüler die Raps von De La Soul. Das war eingängiger. Und dann wollte man das halt irgendwann auch selbst machen. So richtig gerafft, was reimtechnisch möglich ist, habe ich aber erst durch Fettes Brot.