"Antiquar ohne Pietät" nannte Friedrich Nietzsche einen Autor, der es sich in der Vergangenheit gemütlich macht und sie zu Unterhaltungszwecken nachkoloriert. Ein solcher Antiquar habe kein wirkliches Erkenntnisinteresse, und keine gegenwärtige Not "beklemmet ihm die Brust". Er siedle aus der Gegenwart in die Vergangenheit über und bereite sich "darin ein einheimisches Nest". Oder zeitgenössisch gesagt: Für den literarischen Antiquar ist die Weltgeschichte ein gigantischer Themenpark. Gut gelaunt stattet er ihm einen Besuch ab, macht ein Selfie und nimmt etwas für den Heimweg mit. Er kombiniert und arrangiert. Er macht aus Geschichte Geschichten.

Ist der Schriftsteller Robert Menasse so ein "Antiquar ohne Pietät", wenn er Zitate erfindet und Politiker an Orten auftreten lässt, wo sie nie waren? Ist der Journalist und Schriftsteller Takis Würger einer? Und was ist mit dem Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck, der in seinem für zwei Oscars nominierten Film Werk ohne Autor so freizügig mit der Biografie des Malers Gerhard Richter verfährt, dass dieser sich nun entschieden von dem Film distanziert hat? Offenbar verschiebt sich gerade das Verhältnis der Gegenwart zur Vergangenheit; überall, so scheint es, sind "Antiquare ohne Pietät" am Werk. Sie erklären die Vergangenheit zur Verfügungsmasse, zum illustrativen Material, zur Kulisse.

Besonderes Aufsehen erregt in diesen Tagen Takis Würgers Roman Stella, die Geschichte einer Jüdin, die im Auftrag der Gestapo andere Juden ans Messer liefert. Das Buch ist eine Mischung aus düsterer Fiktion und echten Gerichtsakten, es gibt Sex und Drogen, verruchte Wehrmachtkneipen und noble Grandhotels, es gibt den primitiven Schlägernazi und den belesenen SS-Snob, der über Heinrich Heine und Richard Wagner doziert.

Gelangweilt von Kitsch und Klischee, hätte die Literaturkritik das Buch kühl abtropfen lassen können. Tatsächlich war sie entsetzt über Stella, denn sie glaubte darin das Symptom für einen neuen Umgang mit der deutschen Vergangenheit zu erkennen: Die Wahrheit wird langweilig, es geht Autoren und Verlagen bald nur noch um große Gefühle und spektakuläre Geschichten – um einen Stoff, der auch im Kino Furore machen könnte. Nazis funktionieren immer. Oder eine Jüdin, die andere Juden verrät. Hauptsache, starke Bilder.

Interessanterweise erinnert die Stella-Debatte an eine alte Kontroverse, an den ungemein aufregenden Kunststreit, der nach dem Fall der Mauer geführt wurde und der von heute aus gesehen den Nachsommer der ästhetischen Theorie markiert. Damals war gerade die vertraute Welt zusammengebrochen und eine neue noch nicht in Sicht. Der Kommunismus war vom Erdboden verschwunden und die liberale, kapitalistische Demokratie als historischer Sieger übrig geblieben.

Die Frage lautete nun: Was wird aus der kritischen Kunst? Wird sie noch gebraucht, und wenn ja: wofür? In den Neunzigerjahren gaben postmoderne und neokonservative Denker den Ton an, und Bücher wie Die Sinngesellschaft von Norbert Bolz popularisierten ihre Thesen und servierten sie mundgerecht. Für diese Autoren stand fest, dass das alte Bündnis aus linker Kunst und linkem Fortschrittsdenken, aus Ästhetik und Moral definitiv der Vergangenheit angehört – die Bücher eines Günter Grass oder der Negativismus eines Theodor W. Adorno seien fossile Hinterlassenschaften einer versunkenen Epoche. Nachdem die Demokratie gesiegt habe, sei die Weltgeschichte gewissermaßen am Ziel. Nicht länger muss die Kunst kritisch sein, nicht mehr die Statthalterin einer sozialen Utopie oder einer progressiven Gesinnung. Endlich kann die künstlerische Einbildungskraft tun und lassen, was sie will – sie ist frei. Aber frei wozu?

Es gab viele Antworten auf diese Frage, doch wer die literarische Machart von Stella betrachtet, kommt nicht umhin, festzustellen, dass sich die postmoderne Lehre durchgesetzt hat. In ihren Augen besteht die vornehmste Aufgabe der Kunst nämlich darin, Geschichten und Metaphern in die Welt zu setzen, ästhetisch eindringliche Bilder, die der ebenso flüchtigen wie ungreifbaren Moderne einen fassbaren Sinn geben. Menschen, so heißt es, bräuchten orientierende Bilder, denn im Gegensatz zum Tier haben sie einen angeborenen Nachteil – sie hungerten pausenlos nach Sinn.

Mit welchen Geschichten und Erzählungen das symbolische Menschentier gefüttert wird, scheint dann fast egal zu sein. Zu Recht witterten kritische Philosophen wie Albrecht Wellmer in der postmodernen Kunstlehre einen heimlichen Fatalismus, schließlich sollte die Realität ja nicht mehr verändert, sie sollte nur noch bebildert werden. Abschied vom Prinzipiellen: Kunst diente fortan nicht mehr der Wahrheitsfindung, sondern der Sinnbeschaffung, der Produktion von wohltätigem Schein. Sie schenkt der entzauberten Welt dramatische Vergangenheiten und kompensatorische Mythen.

Ist Stella nicht der perfekte Anwendungsfall dieser Theorie? Tatsächlich interessiert sich der Roman nicht wirklich für die deutsche Vergangenheit, er beutet sie aus und benutzt sie als filmische Kulisse für eine Liebesgeschichte, während im Hintergrund der "stumme Chor" der "Deportierten, Ermordeten und Entkommenen" Aufstellung nimmt (so Lothar Müller in der Süddeutschen Zeitung). Im Kopfkino des Lesers befriedigen Bücher wie Stella zunächst einmal die Lust, Geschichte zu erleben, ohne dabei gewesen sein zu müssen. Auch wenn es paradox klingt: Indem sie die Vergangenheit mit Fiktionen anreichern, erzeugen sie ein Gefühl von Gegenwärtigkeit und Selbstgefühl. Gewiss, nicht alle Erzählformen sind frivol, die sich – wie zum Beispiel die Science-Fiction-Komödie Iron Sky – ausmalen, was geschehen wäre, wenn Adolf Hitler gesiegt hätte (das zeigt der soeben im Neofelis Verlag erschienene Sammelband Schlechtes Gedächtnis?).