Als vor 40 Jahren die amerikanische Fernsehserie Holocaust zum ersten Mal im deutschen Fernsehen ausgestrahlt wurde, liefen beim Westdeutschen Rundfunk die Telefone heiß. Zwar hatte der Sender im Rahmen der Aktion "Anruf erwünscht" ausdrücklich dazu aufgefordert, der Diskussionsrunde, die sich nach jeder Sendung versammelte, Fragen zu stellen. Mit der – wie es später in einer Analyse hieß – "überwältigenden Spontaneität" der Zuschauer, die nur durch deren "tiefste Betroffenheit" erklärbar sei, hatte jedoch im WDR niemand gerechnet. Am Ende verzeichneten die Verantwortlichen mehr als 30.000 Anrufe und Zuschriften, oft von ehemaligen Zeitgenossen des "Dritten Reiches".

Rund die Hälfte der (West-)Deutschen hatte mindestens eine Folge der vierteiligen Serie gesehen. Und in ihrer großen Mehrheit reagierten sie positiv. Nur jeder zehnte Anrufer, darunter mancher "Ewiggestrige", äußerte massive Kritik. Auch dies hatte kaum jemand erwartet, war der Fernsehserie doch eine monatelange, meist kritische Diskussion vorausgegangen.

Vorbehalte gab es viele. Auch innerhalb der ARD hatte sich nur eine knappe Mehrheit der Verantwortlichen für die Serie ausgesprochen, die deshalb nur in den dritten Programmen ausgestrahlt wurde. Der Programmchef des Bayerischen Rundfunks, Helmut Oeller, bezeichnete sie als "kommerziellen Verkaufsartikel" und drohte angeblich damit, der BR werde bei Ausstrahlung in der ARD aus dem Programm aussteigen.

Die schärfste Kritik an Holocaust übte vorab die Presse. Die Serie trivialisiere den Judenmord und sei nichts anderes als eine "amerikanische Seifenoper". Überhaupt bestehe zwischen emotionalisierender Unterhaltung und Aufklärung ein unvereinbarer Gegensatz. Der Gedanke, dass gerade Emotion und Empathie den Zuschauern auch Einsichten ermöglichen könnten, vor allem in die bis dahin vernachlässigte Perspektive der jüdischen Opfer, kam kaum einem der Kritiker.

Nach dem überraschend positiven Zuschauerecho schwenkten die Feuilletons dann schnell um und schrieben Holocaust zum nationalen "Fernsehereignis" hoch. Besondere Elastizität legte der Spiegel an den Tag: Nachdem er die Serie eine Woche vor Sendebeginn unter der Überschrift "Endlösung im Abseits" verrissen hatte, widmete er ihr zwei Wochen später eine ausführliche Titelstory ("Der Judenmord bewegt die Deutschen"). Auch die ZEIT räumte mehrere Zeitungsseiten frei für den Film, den Marion Gräfin Dönhoff in ihrem Leitartikel vom 2. Februar 1979 "eine deutsche Geschichtsstunde" nannte.

Oft ist Holocaust deshalb als "Medienereignis" bezeichnet worden, dabei waren es nicht die Journalisten, die hier ein Thema setzten. Sie liefen ihm vielmehr hinterher, und niemals wäre es zu einem vergleichbaren Widerhall gekommen, hätte die Serie nicht einen Nerv in der Bevölkerung getroffen.

Was umfangreiche Fernsehdokumentationen und fußnotengesättigte Abhandlungen von Historikern nicht vermocht hatten, gelang dem als "Reißer" und "Hollywood-Kitsch" verspotteten Vierteiler auf eindringliche Weise: Am Beispiel der fiktiven jüdischen Familie Weiss veranschaulichte er den Leidensweg der Opfer und konfrontierte die Zuschauer mit deren Schicksal, das zuvor weder in der Öffentlichkeit noch in Fachdebatten um Opferzahlen, Hitler-Befehle und die "Genesis der Endlösung" eine Rolle gespielt hatte. Zugleich präsentierte sie mit dem erstaunlich ambivalent gezeichneten SS-Obersturmbannführer Erik Dorf einen Täter aus der Mitte der Gesellschaft, der die deutschen Fernsehzuschauer zu zahlreichen Kommentaren bewegte ("Solche Leute gab es viele" – "Die Dorfs sind heute noch unter uns" – "Dieser Typ mit seiner karrieresüchtigen Ehefrau").