Frank Castorf setzt in dieser Inszenierung den Makro- mit dem Mikrokosmos ins Verhältnis. Man kann es auch ruppiger sagen: Er konfrontiert die Unendlichkeit mit der Scheiße. Jenseits der Bühne ahnen wir das anmutige Räderwerk des Universums. Und auf der Bühne herrschen die Verwesung und Hinfälligkeit des Erdenbetriebs. Die Verbindung zwischen beiden stellt ein riesiges Fernrohr her, welches wie ein Geschütz ins All gerichtet ist.

Das Rohr erweist sich als eine Waffe, die sich umwendet – gegen den Zielenden, der sie nicht kontrollieren kann. Sternenlicht fällt durch den engen Lauf, als nehme die Schöpfung uns ins Visier. Das Rad, mit dem man den Blickwinkel des Fernrohrs verändern kann, ist fast so groß wie ein Mühlrad. Wir sehen: Wer das All erforschen will, benötigt schweres Gerät, wie es Bergleute einsetzen, wenn sie sich durch Felsen graben. Wir hier unten in der Finsternis müssen schuften, um die Gesetze des Lichts zu erkennen. Und so schuften auch die Berliner Schauspieler. Immer wieder wird das Teleskop an diesem sechsstündigen Theaterabend im Berliner Ensemble neu justiert, immer wieder kriechen Menschen in seinen Lauf, als kämen sie so der Wahrheit näher.

Der Konstrukteur des Rohres ist Galileo Galilei. Er schuf es, um den Menschen vor Augen zu führen, was sie nicht glauben wollten (und was die Kirche ihnen zu glauben verbot): "Die Himmel sind leer." Galilei hat sein Himmelsmühlrad in Gang gesetzt, um den Weltraum auszufegen. Mehr als diesen triumphalen Willen zur Klarheit besitzt er nicht – wodurch sich auch erklärt, dass er in der ersten Szene nackt auf der Bühne steht. Er trägt die Nacktheit wie ein Erleuchteter, als wolle er zeigen, dass es auf Erden nur darum geht: die eigene Nacktheit und die Leere des Himmels auszuhalten. Als sei das der oberste Erkenntnistriumph: morgens zu erwachen und zu genießen, dass man "bloß" ist – allein im Universum. Dass man lebt, ohne einem Gott etwas zu schulden.

Der große, 86-jährige Schauspieler Jürgen Holtz spielt den Galileo Galilei. Der Erforscher des unendlichen Raums kennt auf Erden keine Scham. Er verhüllt sich vor niemandem. Er ist aus keinem Paradies vertrieben worden. Er ist, zumindest zu Beginn des Spiels, noch darin. Holtz gibt ihm die lächelnde Zuversicht eines Kurzsichtigen, ja vielleicht eines Blinden, der sich sein Leben lang auf die Führung durch andere verlassen konnte – darauf, dass ihm die Mühen des Äußerlichen abgenommen wurden. Seine Haushälterin zieht ihm das Nachthemd aus und überschüttet ihn mit Wasser, und er spreizt morgenfroh die faltigen Arme.

Holtz wirkt nicht wie ein Wissenschaftler, der allein durch die Welten in seinem Kopf reist, sondern wie ein Chrononaut, der es gewohnt ist, mit dem ganzen Leib zu forschen, und der sich vor seiner nächsten Reise – dem Aufbruch in eine neue Zeit – den Schmutz der Gegenwart (die eine graue Vorzeit ist) von der Haut waschen lässt.

Je tiefer Galilei in den Kosmos vordringt, desto genussvoller verkriecht sich allerdings Castorfs Inszenierung im Mikro-Gekröse, in Fäulnis und Verfall. So wie einst eine Figur in einem Roman Milan Kunderas gesagt hat, die Existenz des Kotes, das "Venedig der Scheiße unter unseren Füßen", mache es ihm unmöglich, an Gott zu glauben – so benutzt auch Castorf den Kot als einen Anti-Gottesbeweis, als Zeichen dafür, dass wir allein und nicht zu retten sind. Pompös gesagt: Die Scheiße ist das Fundament, auf dem Castorfs Inszenierung, vielleicht auch sein Weltbild ruht.

Die Pest, die an diesem Abend ihr Werk tut, ist bei Castorf nur eine Spielart des großen Ausscheidungsapparates, in dem wir alle verschwinden. Und der Tod, so verrät sein Ensemble in jeder lüstern-lebensmüden Regung, ist nichts anderes als eine Methode der Schöpfung, sich selbst zu verdauen.