Ein junger Mann ist am Ende. Vor sechs Jahren ist er in eine geistliche Gemeinschaft eingetreten. Er sagt, er habe dort viele schöne Momente erlebt. Dennoch liegt der junge Bruder morgens oft mit Tränen in den Augen im Bett und wünscht sich, er wäre in der Nacht gestorben. Als er schließlich den Weg aus der Gemeinschaft findet und zu seinen Eltern zurückkehrt, müssen diese ihn mit einem Rollstuhl vom Flughafen abholen. Er ist nicht nur psychisch, sondern auch physisch kaputt.

Eine Mutter erzählt von ihrer mittlerweile fast fünfzigjährigen Tochter. Sie war als Achtzehnjährige in eine geistliche Gemeinschaft eingetreten. Vor ihrem Eintritt war sie eine intelligente, lebenslustige junge Frau. Als sie wenige Jahre später austrat, war sie bis auf die Knochen abgemagert und psychisch gebrochen. Das ist nun mehr als zwanzig Jahre her – doch bis heute hat sich die Tochter nicht erholt. Immerhin, sie kann jetzt wieder Auto fahren, und die Mutter gibt die Hoffnung nicht auf, dass sie ihre Tochter eines Tages wieder glücklich sieht.

Eine andere Mutter berichtet, wie ihre Tochter auf einer Reise eine neue geistliche Gemeinschaft kennenlernte und gleich eintrat. Sie fuhr ihre Tochter besuchen und erlebte, wie diese innerhalb weniger Jahre immer depressiver wurde. Bei jedem Besuch (immer in einem anderen Kloster, einem anderen Land) sieht sie ihr Kind unglücklicher, macht die "Mitschwestern" darauf aufmerksam, bittet mit Nachdruck um gesundheitliche Fürsorge, bis eines Tages zwei fremde "Schwestern" vor ihrer Tür stehen, um ihr mitzuteilen, dass ihr Kind sich das Leben genommen hat.

Das sind nur drei Beispiele für ein Problem, mit dem sich die katholische Kirche gegenwärtig konfrontiert sieht. Junge Menschen, die in die Nähe bestimmter katholischer Gemeinschaften kommen und sich begeistern lassen, verändern sich auf beängstigende Art und Weise. Sie verlieren den Kontakt nicht nur zu ihrer Familie und ihren Freunden, sondern auch zu sich selbst. Haben sie ihre Selbstbestimmung erst aufgegeben, ist es für sie beinahe unmöglich, die Reißleine zu ziehen. Alles, was die Autorität ihrer Seelenführer infrage stellt, scheint ihnen eine Gefahr oder Versuchung zu sein. Sie bleiben ihnen treu, auch wenn sie selbst dabei zugrunde gehen.

Wir kennen dieses Phänomen gefährlicher "Seelenführer" von Sekten oder aus Freikirchen. Dass ähnliche Praktiken auch im Schoß der katholischen Kirche üblich sind, ist ein Tabu und ein viel zu lange toleriertes Übel. Deshalb möchte ich vor allem den Betroffenen selbst helfen, zu verstehen, was ihnen geschehen ist. Ich handle nicht von "katholischem Fundamentalismus" und vermeide Fachbegriffe wie Jurisdiktionsprimat. Ich möchte keine fertig ausgearbeitete Theorie vorstellen, denn eine solche habe ich nicht. Ich möchte vielmehr Erfahrungen schildern, Fragen stellen und erste Vorschläge machen, wie geistlicher Missbrauch in der Kirche verstanden werden kann. Damit wir überhaupt darüber reden können. Denn solange wir nicht darüber reden, können wir auch nichts dagegen tun.

© Samira Schulz für DIE ZEIT

Ich glaube, dass geistlicher Missbrauch die Verletzung spiritueller Autonomie ist und dass spirituelle Autonomie ein grundlegendes Selbstbestimmungsrecht jedes Menschen darstellt. Diese Vorstellung ist nicht neu, aber der Begriff spirituelle Autonomie ist ungebräuchlich. "Spiritualität" ist überhaupt ein missverständlicher Begriff und wird oft fälschlich als Synonym für Esoterik verwendet. Das aus dem Griechischen stammende Wort "esoterisch" bezeichnete zunächst ein Wissen, das nur einem bestimmten Kreis von Menschen zugänglich war. Der Gegenbegriff lautet "exoterisch" und bezeichnet das Wissen, das jedem offensteht. Worauf es heute ankommt: Spiritualität ist keine Geheimlehre, sondern ein urmenschliches Bedürfnis, eine Fähigkeit und Bewältigungstechnik. Während nur wenige Menschen esoterisches Wissen besitzen, hat jeder Mensch seine eigene Spiritualität. Während esoterisches Wissen von Meistern oder Gurus kontrolliert wird, kann jeder Mensch über seine Spiritualität frei verfügen. Während esoterisches Wissen oft schwer verständlich ist, ist spirituelles Wissen intuitiv.

Was jemand glaubt und welche Spiritualität er pflegt, sind jedoch zwei verschiedene Dinge. Katholiken beispielsweise kennen benediktinische, franziskanische, ignatianische, karmelitische, salesianische und befreiungstheologische Spiritualität, sie kennen neopentekostale, ökologische und sogar erotische Spiritualität. Oft wird angenommen, dass Menschen, die keine religiösen Überzeugungen haben, auch keine Spiritualität besäßen. Dabei kann Spiritualität nicht nur rational völlig transparent sein, sie muss es sogar, denn wir sollen unsere spirituellen Akte ebenso verantworten wie alle unsere übrigen Handlungen. Sich nach einem langen Arbeitstag allein auf die Terrasse zu stellen, schweigend in den Sonnenuntergang zu blicken und den Tag Revue passieren zu lassen kann genauso eine spirituelle Handlung sein, wie nach einem Terroranschlag gemeinsam mit Hunderten anderer Menschen Blumen niederzulegen, geduldig eine Demütigung zu ertragen oder die Wohnung für ein Fest zu dekorieren.