Seine berühmten Lebensbeschreibungen der italienischen Architekten, Maler und Bildhauer, die Giorgio Vasari 1550 und 1568 veröffentlichte, vereinten erstmals zwei Arten der Kunstliteratur: die Biografie und die kunsttheoretische Abhandlung. Diese hatte Leon Battista Alberti in der Renaissance erfunden, für Erstere hatte Bartolomeo Fazio 1456 ein Muster vorgelegt. Vasaris Vorgabe, den Biografien Abhandlungen über die Künste voranzustellen, wurde 1604 von Carel van Mander in seinem Schilder-Boek nachgeahmt, dann 1675/79 von Joachim von Sandrart in seinem Werk Teutsche Academie der Edlen Bau-, Bild und Mahlerey-Künste. Im 16. und 17. Jahrhundert erschienen eine Vielzahl kunsttheoretischer Schriften, meist verfasst von gelehrten Künstlern.

Giovan Pietro Bellori war kein Künstler, sondern ein Gelehrter. Er befolgte zwar in seinen Lebensbeschreibungen der modernen Maler, Bildhauer und Architekten, die 1672 in Rom erschienen, Vasaris Muster, aber ohne dessen enzyklopädischen Ehrgeiz. Vielmehr beschränkte er sich auf zwölf Künstler, denen er das Attribut "modern" verlieh, darunter Annibale und Agostino Carraci, Rubens, van Dyck und Poussin. Zudem war erstmals eine solche Sammlung nicht national oder territorial ausgerichtet, denn Bellori wählte Künstler aus Italien, den südlichen Niederlanden, dem Tessin und Frankreich aus. Jetzt startet eine zweisprachige italienisch-deutsche, kommentierte Edition dieses bahnbrechenden, hierzulande bislang nur wenig bekannten Werks.

Geboren 1613 in Rom als mutmaßlicher Sohn des Prälaten Francesco Angeloni, kam Bellori in dessen Haus schon früh mit zahlreichen Gelehrten und Künstlern in Kontakt. Als Universalerbe des Prälaten konnte er es sich leisten, zeitlebens seinen intellektuellen Interessen nachzugehen, bevor er sich 1670 von Papst Clemens X. zum Kommissär der römischen Altertümer, also zum verantwortlichen Denkmalpfleger ernennen ließ und 1677 als Bibliothekar in die Dienste der ehemaligen Königin Christina von Schweden trat. Als Archäologe hat Bellori eine beeindruckende Zahl von Schriften veröffentlicht, von seiner kunsthistorischen Kennerschaft zeugen seine Künstlerbiografien.

Bereits 1645 hatte er dieses Projekt mit der Vita Caravaggios begonnen, 1672 erschien der Sammelband in prächtiger Ausstattung mit Künstlerporträts und Titelvignetten nach Zeichnungen von Charles Errard, dem Direktor der französischen Akademie in Rom. Errard hatte Gelder für die Publikation von Jean-Baptiste Colbert, dem mächtigsten französischen Minister, eingeworben. Deshalb ist diesem das Buch gewidmet; die abschließende Lebensbeschreibung Poussins, des berühmten französischen Malers in Rom, bekräftigt symbolisch die Verbindung mit Frankreich. Bellori schrieb weitere Künstlerviten und plante einen zweiten Band; die Edition wird auch diese präsentieren.

In seinem Vorwort verteidigt Bellori die strikte Beschränkung auf wenige "moderne" Künstler im Gegensatz zur Nennung Hunderter Namen. Er verwies auf den Rat von Poussin, den er für die Beschreibung der Fresken Raffaels im Vatikan eingeholt hatte: Nunmehr zeigte Bellori an den Werken die künstlerische Erfindung, die dargestellten Affekte und Bewegungen der Figuren, beurteilte zudem Kunstfertigkeit und Begabung der Künstler und hob so das jeweils Lobenswerteste hervor. Seine intensiven Werkbeschreibungen, die Bellori als Übersetzungen verstanden wissen wollte, waren etwas fundamental Neues in der Kunstbetrachtung.

Den Künstlerviten stellte Bellori seine Abhandlung Die Idee des Malers, des Bildhauers und des Architekten voran, die er 1664 in der römischen Kunstakademie Accademia di San Luca vorgetragen hatte. Im ersten Band der Edition steht sie im Zentrum; der Kunsthistoriker Erwin Panofsky nannte sie die "Magna Charta" der klassizistischen Kunsttheorie. Nach Bellori wird dem Künstler die Idee nicht mehr gleichsam von oben eingegeben, sondern er gewinnt sie aus der Anschauung, steigert sie durch Vergleich und Auswahl des Schönen. Elisabeth Oy-Marra liefert einen vorzüglichen Kommentar, der die Bezüge zu Alberti, Leonardo und anderen nachweist und Belloris Argumentation zeitgenössisch sowie in die moderne Forschung einordnet.

Dass Bellori mit Caravaggio startete, dem in der Edition der jetzt erschienene Band 5 gilt, ist erstaunlich, weil sein Freund Poussin den 1610 verstorbenen Künstler als Zerstörer der Malerei fürchtete und verachtete. Doch gegen den Rat des Freundes versuchte Bellori, die ungewöhnliche Kunst Caravaggios "terminologisch und bildsprachlich adäquat zu fassen", wie Valeska von Rosen in ihrem außerordentlich kenntnisreichen Kommentar erklärt. Caravaggio war für den 1696 verstorbenen Bellori das faszinierende Beispiel eines Malers, der sich ausschließlich an das Modell und dessen Nachahmung hielt und dabei die Auswahl des Schönen negierte.

Die ansprechend gestaltete preiswerte Edition ist auf 13 Bände angelegt und soll 2023 abgeschlossen sein; viele Kunsthistoriker haben sich an ihr mit bewundernswerter Leidenschaft beteiligt. Damit wird sich dieses Projekt würdig neben den Alberti-Editionen und der bei Wagenbach erschienenen 46-bändigen Vasari-Ausgabe einreihen – und das erstaunliche Reflexionsniveau damaliger kunsttheoretischer Debatten lässt sich neu entdecken.

Giovan Pietro Bellori: Die Lebensbeschreibungen der modernen Maler, Bildhauer und Architekten. Bd. 1: Die Idee des Malers, des Bildhauers und des Architekten – L’Idea del pittore, dello scultore e dell’architetto; hrsg. v. Elisabeth Oy-Marra; aus dem Ital. von A. Brug und I. Schmiedel; 232 S.; Bd. 5: Das Leben des Michelangelo Merisi da Caravaggio – Vita di Michelangelo Merigi da Caravaggio; hrsg. und aus dem Ital. von Valeska von Rosen; 164 S.; beide Wallstein Verlag, Göttingen 2018; je 24,– €