Jedes Jahr im Januar muss Volker Clasing besonders viel reden. Er muss zuhören, beobachten, manchmal staunen. Wenn Clasing die Eltern vor sich hat, mit ihren Viertklässlern an der Hand, die im Sommer auf seine Schule gehen wollen, weiß er wieder, was es heißt, ein Gymnasium zu leiten. Es heißt: Hoffnungen zu erfüllen, Teil eines Traums zu sein. Die Viertklässler sind zart und schüchtern, mitunter auch laut und selbstbewusst. Ihre Eltern sind entschlossen: Diese Schule muss es sein.

Volker Clasing gleicht die Aufstiegswünsche der Väter und Mütter mit den Zeugnissen ihrer Söhne und Töchter ab. "Gradmesser sollte das Glück Ihres Kindes sein", sagt er den Familien – und rät manchen vom Gymnasium ab. Am Ende aber entscheiden die Eltern und melden ihr Kind trotzdem an. "Elternwille" nennen das die Bildungspolitiker. Damit haben sie schon Wahlen gewonnen. Am Helmut-Schmidt-Gymnasium auf der Hamburger Elbinsel Wilhelmsburg führt der Elternwille dazu, dass Clasing immer, wenn ein Schuljahr losgeht, rund 140 Fünftklässler begrüßt. Die Erfahrung sagt ihm, dass 30 von ihnen nach der sechsten Klasse wieder weg sind und auch der Rest nicht vollständig auf jener Bühne ankommt, auf der Clasing Jahre später die Abiturzeugnisse überreicht.

An die 600.000 Familien entscheiden in diesen Wochen in Deutschland, auf welche Schule ihr Kind nach der vierten Klasse wechseln wird. Es braucht keine hellseherischen Fähigkeiten, um vorauszusagen: Es werden sich noch mehr für das Gymnasium entscheiden. So war es 2018. Und 2008. Und 1958. So war es fast immer, seitdem es "höhere Schulen" gibt. Gymnasialquoten erreichen Rekordhöhen. In Heidelberg und Tübingen wählen 70 Prozent das Gymnasium, in Münster sind es 60, in Hamburg über 50. Im Schnitt wechseln 44 Prozent der Grundschüler auf die Lieblingsschule der Deutschen.

Schon längst ist das Gymnasium kein Exklusivetablissement mehr für eine kleine geistige Elite. Doch noch nie war seine Schülerschaft ethnisch so bunt und sozial so durchmischt – und das Leistungsspektrum so breit. Gerade für Familien jenseits des klassischen Bildungsbürgertums ist das Gymnasium zum Versprechen für sozialen Aufstieg geworden. Wer kein Verlierer sein will, versucht es dort.

Der große Erfolg des Gymnasiums wird nun zu seiner härtesten Prüfung. Denn was heißt es, wenn in den fünften Klassen plötzlich Kinder sitzen, die in der Grundschule nicht gelernt haben, flüssig zu lesen, massenhaft Rechtschreibfehler machen und für die Zahlen niemals Freunde wurden? Wie lässt sich erhalten, was das Gymnasium einst groß werden ließ: sein intellektuelles Niveau, die fachliche Stärke, sein Anspruch zur Selbstbildung?

Egal, wo man in diesen Tagen ein Gymnasium besucht, der Wandel treibt alle um, und die Unsicherheit ist groß: Verliert das Gymnasium an Wert, weil es so stark an Beliebtheit gewinnt? Ist die Vielfalt nur Last oder auch ein Schatz – an Talenten, Persönlichkeiten, Perspektiven? Was muss sich ändern, damit es im Begeisterungssturm der Massen nicht untergeht?

Vielerorts gibt es Gymnasien, die darauf eine Antwort gefunden haben. Rektoren, die mit Mut und Eigensinn ihre Schule zur Marke machen. Lehrer, die nicht mehr bloß Fächer unterrichten, sondern die Schülerschaft, die vor ihnen sitzt. Diese Schulen sprengten alte Formen, um den Inhalt zu erhalten, befreiten sich von Halbtagsbetrieb und 45-Minuten-Takt, verabschiedeten sich von Frontalunterricht und Gleichschritt im Lernen. Ob in Hamburg oder Berlin, im Münsterland oder am Bodensee: Überall zeigen sich die großen Möglichkeiten der Gymnasien.

Auf dem Schulhof des Helmut-Schmidt-Gymnasiums hört man die Containerbrücken vom Hamburger Hafen quietschen. Zehn S-Bahn-Minuten von den Shoppingmalls der City entfernt liegt hier auf einer Elbinsel das andere Hamburg. Der Stadtteil Wilhelmsburg galt lange als abgehängt, die Kinderarmut liegt bei 40 Prozent, viele Eltern leben von Hartz IV. 80 bis 90 Prozent der Schüler stammen aus Einwandererfamilien. Genau weiß es Volker Clasing nicht. "Wir erheben das nicht mehr. Jeder, der hier ankommt, hat das Recht auf die beste Bildung." Der Schulleiter fragt auch nicht, ob seine Schüler überhaupt auf ein Gymnasium gehören. Sie sind ja da. Er fragt sich, was in ihnen steckt. Das sollen sie ihm zeigen.