Dass Nord Stream 2 vollendet wird, darf man unterstellen. Ebenso, dass bei diesem Projekt strategische und wirtschaftliche Interessen kollidieren. Ökonomisch mag das Projekt sinnvoll sein, bringt es doch russisches Erdgas direkt nach Deutschland – unter Umgehung der Ukraine, der Moskau seit 2006 dreimal den Hahn zugedreht hat. Das strategische Problem? Die Röhre durch die Ostsee ist eine gegen Kiew gerichtete Waffe. Die Ukraine verliert Milliarden an Transitgebühren, das geschwächte Land wird so in die russische Einflusssphäre gezwungen.

Die EU-Kommission kritisiert Nord Stream 2, das EU-Parlament ist schlicht dagegen. Doch fällt Berlin auf klassische Muster zurück: Wer mit Moskau kooperiert, werde Wohlverhalten ernten. Leider trügt diese Hoffnung. Der neue Zar Wladimir ist seit 2008 auf Expansionskurs, von Georgien über Syrien bis zur Ostflanke der Nato. Sein strategisches Talent ist bewundernswert. Sorgfältig misst er die Risiken, erst dann schiebt er seine Figuren auf dem Schachbrett nach vorn. Zwar erkennt Außenminister Heiko Maas das Spiel und redet von Russlands "Abgrenzung" und "Gegnerschaft" gegenüber dem Westen. Nur hapert’s bei den Schlussfolgerungen.

Wir leben in einer Welt, in der die Giganten – Amerika, Russland, China – ihre Schwerter schärfen und Machtpolitik betreiben. Der "Friedensmacht" Deutschland kann das nicht passen, hat sie doch ihre größten Gewinne auf dem Felde der Wirtschaft und sanften Diplomatie eingeheimst.

Obwohl sich die Weltbühne verdunkelt, lautet Maas’ Devise: Jetzt erst recht! Während die Großen aufrüsten, will er eine "neue internationale Rüstungskontrollarchitektur" hochziehen. Derweil stellt Russland wider den INF-Vertrag neue Mittelstreckenwaffen auf. Selbst wenn der Vertrag kippt, will Maas keinesfalls in eine neue "Rüstungsspirale einsteigen". Abschreckung sei die Antwort des "vergangenen Jahrhunderts". Dennoch bietet er ein Mantra just aus jener Zeit auf: Sicherheit gebe es nur "miteinander", nicht "gegeneinander". Dann die ganz große Nummer: Alle wollten doch "eine Welt ohne Nuklearwaffen".

Wollen sie nicht, jedenfalls jene nicht, welche die Bombe haben oder nach ihr streben, weil der Besitz machtpolitisch nicht zu toppen ist. Keine Nuklearmacht wurde je von einer nicht nuklearen attackiert. Trotzdem will Maas "beharrlich dafür sorgen, dass das Thema auf der Tagesordnung steht". Er setzt auf die "Stärke des Rechts". Und auf eine "regelbasierte Ordnung". Und auf eine "Allianz der Multilateralisten".

Das sind wunderbare Prinzipien, denen nur der Realismus fehlt. "Wären Wünsche Pferde", besagt ein schottisches Sprichwort, "würden Bettler reiten." Maas würde gegen Windmühlen galoppieren und die Großen eher nerven als bekehren. Was jahrzehntelang unter dem US-Schutzschirm so gut funktioniert hat – die Deutschen als "Friedensmacht" –, gerät heute zum Wunschdenken.

Eigentlich müsste Deutschland den alten Clausewitz wieder aus dem Regal holen, der bekanntlich Militärmacht und Diplomatie als Einheit begriff. Abschreckung und Gleichgewicht werden an der Weltbörse inzwischen viel höher notiert als Entspannung und Abrüstung. Dies zu beklagen ist gut. Noch besser aber ist es, die Außenpolitik an den hässlichen neuen Realitäten auszurichten, auch wenn Deutschland eine europäische Großmacht wider Willen ist – und bleiben will.