DIE ZEIT: Herr McCoy, Sie sind der Neffe von Jackson Pollock, dem radikalsten Erneuerer der Nachkriegsmoderne. Er hat das Action-Painting beziehungsweise Drip-Painting erfunden, indem er Farbe von Pinseln auf am Boden liegende Leinwände tropfte und sich dabei wie ein Tänzer über dem Bild bewegte. In der Münchner American Contemporary Art Gallery Ihrer Freunde Kirstin und Otto Hübner zeigen Sie nun keine ikonischen Gemälde, sondern intime Zeichnungen, Siebdrucke und Kaltnadelradierungen. Warum?

Jason McCoy: Wir wollten den Menschen hinter dem Mythos sichtbar machen. Unser Blick ist ein Close-up, ein sehr persönlicher Blick auf Pollocks einzigartige Arbeitsweise und Handschrift. Sehen Sie diesen kleinen Kopf aus Bronze?

ZEIT: Ja. Ein Selbstporträt?

McCoy: Er ist das Objekt einer existenziellen Selbstbefragung. Als Jackson in den frühen Dreißigerjahren bei Thomas Hart Benton studierte, dem Maler pittoresker Szenen des Mittleren Westens, brachte ihm mein Vater Sanford eines Tages einen Basaltstein. In ihn schnitt Jackson dieses expressive Antlitz. Was Sie sehen, ist der Bronzeabguss. Man muss ihn in der Hand halten, dann versteht man den Hamlet-Moment. "Jeder gute Künstler malt, was er ist", sagte er einmal. In dieser Arbeit offenbart sich der Pollock jenseits der Klischees.

ZEIT: Die da lauten: Säufer, Frauenheld, Cowboy, cholerisch, verrückt?

McCoy: Keines trifft zu! Zum Beispiel trank er niemals, wenn er malte!

ZEIT: Warum trank er überhaupt?

McCoy: Vor lauter Selbstzweifel. Er war eigentlich introvertiert. Seine Frau, die Malerin Lee Krasner, die er 1941 kennenlernte und 1945 in Springs auf Long Island heiratete, hat oft erzählt, welche Angstzustände er hatte. Wie sehr er sie als Managerin und Muse brauchte. Wie mein Vater war sie von seinem Genie überzeugt, ihre eigene Karriere stellte sie hinter seine. Ich verehrte sie sehr.

ZEIT: Standen Sie in engem Kontakt?

McCoy: Ja. Nach seinem schrecklichen Unfalltod 1956 mit nur 44 Jahren – er starb, als er betrunken mit zwei Freundinnen in seinem Cabriolet eine Spritztour machte – wurde mein Verhältnis zu meiner Tante sehr eng. Ich verbrachte viel Zeit mit ihr und ihren Künstlerfreunden, darunter Willem de Kooning und Sammler wie Peggy Guggenheim, die seine Ausnahmebegabung schon Anfang der Vierzigerjahre erkannt hatte.

ZEIT: Wie erlebten Sie Ihren Onkel?

McCoy: Ich bin 1948 geboren. Als er starb, war ich acht Jahre alt. Jackson war der jüngste von fünf Brüdern, meine Großeltern waren Bauern. Charles, der älteste, wurde ebenfalls Maler. 1930, als Jackson 18 Jahre alt war, zog er zu ihm nach New York, weil er Künstler werden wollte. Mein Vater Sanford war der zweitjüngste Sohn, er und Jackson waren sich sehr nahe, und so besuchten wir ihn und Lee oft in ihrem Haus auf Long Island. Ich erinnere mich nicht so genau an seine Arbeit, ich war zu klein. Aber die beiden mit Farbspritzern übersäten Schemel, die im Atelier standen, prägten sich mir unauslöschlich ein. Ich habe sie geerbt und hüte sie wie Reliquien.

ZEIT: Welche Klischees, die Pollock anhaften, nerven Sie noch?

McCoy: Zum Beispiel, zu behaupten, er sei chaotisch gewesen. Ganz im Gegenteil arbeitete er höchst präzise, es ging um Ordnung und Energie. Es gab keinen Zufall für ihn, keinen Anfang und kein Ende. Jede Linie hatte eine Bedeutung. Für ihn war ein Gemälde ein Organismus, der wie eine Pflanze wächst. Seine Arbeitsweise ist das Gegenteil einer theatralischen Performance.