Vor zwei Jahren protestierte Frankreich offen gegen eine Kunstinstallation im Rahmen des Nordwind-Festivals im Kunstquartier Bethanien in Berlin. In einem "Märtyrermuseum" wurde einer der Terroristen im Bataclan in einer Reihe mit Martin Luther King und Sokrates dargestellt. Das rief die französische Botschaft auf den Plan. Was, von der Intervention Frankreichs haben Sie nichts gehört? Es hat auch keine hohen Wellen geschlagen. Niemand hat sich dagegen verwahrt.

© Stefan Kaminski

Ganz anders war es bei der jüngsten Intervention des israelischen Premierministers Benjamin Netanjahu. Die deutsche Presse spricht von "Netanjahus Chuzpe". Denn Netanjahu hatte die Keckheit besessen, sich in einem Schreiben an die deutsche Regierung über die Jerusalem-Ausstellung zu beschweren, und er soll gar gefordert haben, dem Jüdischen Museum den Geldhahn zu drosseln. Die Forderung ist freilich Quatsch, Netanjahus Kritik an der Ausstellung allerdings nicht unberechtigt. Mit seiner ungelenken Intervention hat der israelische Premier dem Leiter des Jüdischen Museums, dem Judaistik-Professor Peter Schäfer, einen großen Gefallen getan und ihm aus der Patsche geholfen. "Bibi" hätte doch wissen können, dass das nach hinten losgeht, reagiert man doch hierzulande eher reflexhaft negativ auf seine "Rechtsregierung". Selbst die Kulturstaatsministerin stellte sich im ZDF mutig und beherzt vor "die freie Autonomie" ihrer Kultureinrichtung und verteidigte deren "unbequeme Ansichten" gegen die Einmischung aus Israel. "Das Jüdische Museum Berlin will Debatten anregen und dazu beitragen, diese differenziert zu gestalten – ohne eine bestimmte Sicht zu bevorzugen. Es will erstarrte Denkmuster aufbrechen", sagt Direktor Schäfer. Es sei nicht Aufgabe der Jerusalem-Ausstellung noch des Museums als Ganzem, politische Ansichten über Jerusalem zu vertreten. "Wir verwehren uns dagegen, dass die aktuelle israelische Politik auch in einem jüdischen Museum in Deutschland verwirklicht werden müsse." Dies hatte allerdings auch gar niemand verlangt.

Seit Monaten stand das Jüdische Museum nämlich wegen seiner Jerusalem-Ausstellung bereits in der Kritik. Jüdische Organisationen stellten schon die Frage, wie "ein 'jüdisches Museum' eine derart verzerrende Darstellung der israelischen wie palästinensischen Geschichte und Gesellschaft" präsentieren kann. Das Jüdische Museum ist zwar keine jüdische Einrichtung, sondern eine Kultureinrichtung des deutschen Staates. Dennoch hat es eine besondere Verantwortung, antijüdische und antiisraelische Narrative nicht noch zu verstärken und die jüdische Perspektive zumindest sichtbar mit einzubeziehen. Dies gelingt ihm auch zuweilen. Bravourös war das dem Museum zum Beispiel mit "Haut ab!", seiner Ausstellung zu Geschichte und Haltungen zur rituellen Beschneidung, geglückt.

Eine Ausstellung erzählt ihre Version der Geschichte mit dem, worauf sie die Aufmerksamkeit des Besuchers lenkt, was sie betont und was sie weglässt. Und es ist immer eine Version, eine Variante der Geschichte, idealiter multiperspektivisch, manchmal aber eben auch einseitig. Die Jerusalem-Ausstellungsmacher wollten mit ihrer Geschichte Antwort geben auf die Fragen: "Warum ist Jerusalem heilig für die drei Religionen? ...Wo liegen die politischen Ansprüche? Und wo vermengen sich diese Kriterien und diese beiden roten Fäden miteinander?", so sagte es die Kuratorin Margret Kampmeyer.

Daran ist auch gar nichts auszusetzen. Das Skandalon der Ausstellung ist auch nicht dieser Fokus, es sind vor allem ihre Auslassungen.

In einer Filmrotunde zum "Konflikt" zwischen Juden und Arabern präsentiert das Museum mit einem langen Zusammenschnitt historischen Filmmaterials aus unterschiedlichen Archiven seine Version der Geschichte. Und diese hat durchgehend eine Schlagseite. Israel steht am Pranger. In der Didaktik in diesem Raum erfährt das Publikum, dass Jerusalem 1948 zwischen Israel und Jordanien aufgeteilt wurde. Unvermittelt fährt man fort: "1967 eroberte Israel auch den Ostteil der Stadt." Nur wer flinke Augen hat, erhascht in einem langen Zusammenschnitt des historischen Filmmaterials den kurz aufscheinenden Hinweis, dass dies nach Grenzzwischenfällen in "einem Präventivkrieg Israels gegen Ägypten, an dem sich auch Jordanien und Syrien beteiligten", geschehen sein soll. Dass Ägypten zuvor, begleitet von Nassers Vernichtungsrhetorik gegen Israel, den Sinai entgegen dem Waffenstillstandsabkommen nach dem Suez-Krieg remilitarisierte, er 100.000 Mann und tausend Panzer an Israels Südgrenze auf dem Sinai aufmarschieren ließ und die UN-Truppen, die als Puffer zwischen Israel und Ägypten dienten, zum Abzug zwang, muss sich der Besucher genauso anderswo anlesen wie den Hinweis, dass Israel Jordanien vor einem Angriff und Kriegseintritt warnte, worum sich dieses nicht scherte und dennoch den Artilleriebeschuss auf Israel fortsetzte. Auch vom Schicksal des jüdischen Viertels und seiner ehemaligen Einwohner mit seinen 58 zerstörten Synagogen und Wohnhäusern unter jordanischer Besatzung der Altstadt erfährt man nichts.