In diesen Wochen ist in Berlin-Mitte (und sicher nicht nur dort) das lustige Phänomen zu beobachten, dass Väter und Mütter versuchen, ihre Kinder in einen Film zu locken, von dem sie selber sehr gerührt sind. Die Kinder fragen: "Wirklich, einen deutschen Film über einen dicken Jungen, dessen Mutter furchtbar krank ist, soll ich mir angucken?", und klicken, so wie sie das immer tun, erst mal den Trailer im Internet an. Und dann gehen die Kinder im Zweifelsfall doch lieber in die gut behämmerte Comic-Verfilmung Aquaman, und die Eltern bleiben mit ihrer Rührung alleine.

Hier noch einmal ein Stoßseufzer über den auf so wundersame Art geglückten, ganz unspektakulären Film, der am zweiten Weihnachtstag letzten Jahres anlief – es war der erfolgreichste Start eines deutschen Films im Kinojahr 2018. Schon weit über zwei Millionen Zuschauer haben Caroline Links Adaption des Hape-Kerkeling-Bestsellers gesehen, seiner Kindheitserinnerungen, in denen er das Trauma des Suizids seiner Mutter verarbeitet. Ein Phänomen: Man will sich schon langweilen, da wird einem, hoppla, ganz warm ums Herz. Vor diesem Film hatte man ein wenig vergessen, wie gut und für einen selber ganz unpeinlich sich Rührung anfühlen kann.

Das warme Licht der Mohnfelder bei Recklinghausen. Was zu einer proletarischen Großfamilie im Ruhrgebiet der Siebzigerjahre gehört, ist da – Omma und Oppa, Opel Rekord, Neckermann-Katalog, Schlagermusik, Partys mit Eierlikör und viel Kartoffelsalat. Aber anders als so oft im deutschen Kino widersteht die Regie der Versuchung der Überausstattung des geschilderten Milieus. Dieser Film ist ja vor allem ein Hohelied auf die heilende Kraft der Familie. Die Szene, in der sich das pummelige Kind Hans-Peter (Julius Weckauf) Petersilie hinter die Ohren steckt, um seine depressive Mutter aufzuheitern, wird bleiben.

Eine Erklärung des Erfolgs liegt sicherlich darin, dass schon Kerkelings gleichnamige Vorlage, der Bestseller von 2014, ein richtig guter, auch richtig gut geschriebener Stoff war. Den Showman und Entertainer Hape Kerkeling, der sich vor vier Jahren von Bühne und Fernsehen zurückzog, verehren die Deutschen wie sonst vielleicht nur den Sänger Herbert Grönemeyer (der einst, im Jahr 2002, ebenfalls sehr erfolgreich, seine große Verlustgeschichte, den Krebstod seiner Frau, mit seinem Publikum teilte).

Das zeigt der Film von Caroline Link, der Oscar-Preisträgerin, dieser bisher nie ganz schlechten und nie ganz guten Regisseurin: Arbeitet es genau und ohne falsches Pathos, kann deutsches Kino dem Publikum so nah kommen, wie eine 200-Millionen-Dollar-Produktion aus Hollywood das auch nur selten vermag. Es ist das Heimweh nach unserer komischen alten Bundesrepublik – es sind unsere grauen Häuser, unsere komische Provinzialität, unsere komische, krumme Sprache, der Ruhrpott-Dialekt ("Nee, nä?"), die kollektive Erinnerung an das Leben in Westdeutschland, knapp drei Jahrzehnte nach dem Krieg, fünfzehn Jahre vor Mauerfall. Es ist das hässliche, bunt gestreifte Frottee-T-Shirt des dicken Kindes, von dem viele Menschen in Deutschland noch sehr genau wissen, wie es sich auf der Haut anfühlt.

Samstagnachmittag. Die Plätze der 17-Uhr-Vorstellung in Saal 3 im Cubix-Kino am Alexanderplatz sind zur Hälfte gefüllt. Blick ins Publikum: Da kämpft ein mittelalter Mann, geschätzter Jahrgang 1965, mit den Tränen. Mein Sohn, im besten Teenager-Alter, guckt während der Vorstellung – das heißt schon was – nur zweimal aufs Handy.