Kirchenmitglied bleiben? Keine einfache Frage für die deutschen Katholiken, die wegen des Missbrauchsskandals und der Misswirtschaft in einigen Bistümern gerade mit ihrer Kirche hadern. "Kirchenmitglied bleiben?" lautet auch der Titel einer über 200 Seiten starken Studie, die von der Münchner Medienberatungsgesellschaft MDG in Zusammenarbeit mit dem Markt- und Sozialforschungsinstitut Sinus in dieser Woche veröffentlicht wurde.

In Auftrag gegeben hat die repräsentativen Befragungen das Erzbistum München und Freising. Es wurden deutschlandweit Stichproben erhoben.

Die Strategie dahinter: Kennt die Kirche die Bedürfnisse ihrer Schäflein, können sie vielleicht zum Bleiben bewegt werden. So empfiehlt sich diese Erhebung ausdrücklich als "Kirchenbindungsstudie". Das ist das Gegenteil einer Austrittsstudie. Die bringt keinen mehr zurück. Deshalb soll diese Umfrage laut MDG dazu dienen, "die religiösen und kirchlichen Orientierungen der Katholiken besser zu verstehen".

Handlungsmuster sollen abgeleitet werden. Damit das klappt, muss das katholische Milieu differenzierter betrachtet werden als bisher. Religiöse Gemeinschaften sind heutzutage disparater, als ihre gemeinsame Glaubensformel vermuten lässt. Aus diesem Grund hat das Forschungsprojekt eine katholische Typologie ins Zentrum der Studie gesetzt: Welche Gläubigengruppen gibt es? Da sind zunächst einmal die "Bekennenden". Sie machen 13 Prozent aus und bilden den spirituellen Kern. Ihre Glaubensgewissheit ist sehr hoch, sie sind kirchenloyal und haben starkes Vertrauen in die Reformabsichten der Kirche. Patchwork-Religiosität lehnen sie ab.

Dass diese Gruppe austritt, ist nicht zu befürchten. Auch die Gemeindeverwurzelten (16 Prozent) stehen in Krisen treu zu ihrem Glauben und der Kirche und fühlen sich besonders dem Gemeindeleben verbunden. Dort suchen sie Gemeinschaft und seelische Verortung. Für sie ist die Kirche noch eine Moralinstanz. Eine weitere Gruppe sind mit 7 Prozent die "Sozial-Fokussierten". Sie sind noch dabei, weil sich ihre Kirche für Benachteiligte und Flüchtlinge einsetzt. Die "Fokussierten" sind Anpacker und wollen die Kirche verändern. Man findet unter ihnen mehr Junge als Alte, mehr Performer als Pensionäre. Ganz gegensätzlich die "Kompromisslos-Beharrenden" (13 Prozent). Die pochen auf Tradition, legen Wert auf vertraute Rituale und verstehen sich als Bastion gegen religiöse Beliebigkeit. Dort finden sich am ehesten diejenigen, die Angst vor einer vermeintlichen Islamisierung Deutschlands haben, potenzielle AfD-Wähler also.

Die "Dienstleistungsorientierten" haben eher ein profanes Bindungsverhältnis zur Kirche. Als "Situationsgläubige" wenden sie sich an die Kirche eher in Notsituationen, nutzen deren Einrichtungen von der Kita bis zum katholischen Gymnasium. Die religiösen Freigeister wiederum sind in der katholischen Kirche unterrepräsentiert, ihre Bindung an die Dreifaltigkeit Gottes ist gering, eine christliche Leitkultur halten sie für abwegig. Auf Tradition legen sie keinen Wert.

Die letzte und schließlich größte Gruppe sind mit 26 Prozent die "Entfremdeten". 39 Prozent von ihnen sind kirchendistanziert. Das ist mit Abstand der höchste Wert im Typenvergleich. 38 Prozent sind als "Kirchenindifferente" mit der Kirche verbunden, entfernen sich aber zusehends von ihr.

2.373 Interviews wurden insgesamt für diese Studie geführt. Die Befragten wurden in vier Altersgruppen eingeteilt: 18 bis 29; 30 bis 49; 50 bis 64 und über 65 Jahre. Das Bildungsniveau reichte von niedrig bis hoch.