DIE ZEIT: Herr Adrion, Herr Paetow, warum haben so viele Menschen auf der Welt keinen Zugang zu gutem Wasser?

Benjamin Adrion: Es sind weniger als vor zehn Jahren, aber das Problem ist immer noch riesig. Weltweit haben 582 Millionen Menschen kein sicheres und sauberes Trinkwasser. Im Afrika südlich der Sahara und in Asien gibt es die größten Probleme. Dort herrscht Wasserstress, viele Menschen kämpfen um das Überleben. Aber auch im Mittleren Osten oder in Nordafrika ist die Lage schlecht. Dieser Zustand ließe sich beheben – die nötigen Mittel sind vorhanden in Wirtschaft, Gesellschaft und Politik.

ZEIT: Woher kommt die Wasserknappheit?

Adrion: Das hat verschiedene Ursachen wie zum Beispiel den Klimawandel, das Bevölkerungswachstum und den riesigen ökologischen Fußabdruck unserer Wohlstandsgesellschaft. Wir leben, als hätten wir fünf Planeten zur Verfügung.

ZEIT: Welche Rolle spielt die Landwirtschaft?

Adrion: Ich bin ja teilweise auf einem landwirtschaftlichen Betrieb groß geworden und schätze Bauern, weil sie uns mit Lebensmitteln versorgen. Aber die Landwirtschaft verbraucht weltweit 70 Prozent des Wassers. Vor allem die industrielle Landwirtschaft ist problematisch.

Hubertus Paetow: Da gibt es aber große Unterschiede. Deutsche Landwirte verbrauchen keine 70 Prozent des Wassers, sondern gerade mal 14 Prozent. Und das im Wesentlichen für die Tierhaltung, nicht zur Bewässerung von Ackerflächen, weil es bei uns ja viel regnet. In anderen Ländern der Welt fehlt der Regen. Dann müssen Bauern Fluss- oder Grundwasser nehmen, weil sie sonst keine Nahrungsmittel produzieren können.

Adrion: Die sie anschließend in reiche Länder exportieren.

Paetow: Wenn wir Lebensmittel aus dem Ausland importieren, führen wir indirekt natürlich auch das Wasser ein, das dort für den Anbau verwendet wurde. Das nennt man virtuelles Wasser. Insgesamt haben wir auf der Welt genug Wasser, um die Menschheit zu ernähren. Es ist nur zeitlich und räumlich ungleich verteilt und wird höchst unterschiedlich genutzt. In Israel beispielsweise ist Wasser knapp, der Bedarf an Nahrungsmitteln aber groß. Die Bewässerungssysteme dort sind hocheffizient und versorgen die Pflanzen tröpfchenweise. In den Vereinigten Staaten hingegen stehen oft riesige Anlagen auf den Äckern, aus denen das Wasser läuft und zur Hälfte verdunstet.

Adrion: Letztlich entscheiden die Verbraucher. Wenn wir Fleisch, Kaffee, Rosen oder andere Produkte kaufen, die mit viel Wasser produziert wurden, sind wir alle mitverantwortlich.

ZEIT: Können Sie das konkreter machen?

Adrion: Der gesamte Produktionsprozess für eine Tasse Kaffee kostet bis zu 120 Liter Wasser. Und in Äthiopien, dem Ursprungsland des Kaffees, ist es sehr trocken. Kommt der Kaffee im Hamburger Hafen an, wurde vorher für ihn eine riesige Menge Wasser in Äthiopien verbraucht. Äthiopien ist seit der Gründung von Viva con Agua vor nunmehr zwölf Jahren ein Schwerpunktland unserer Projektaktivitäten.

Paetow: Schon beim Einkauf sollten Verbraucher erkennen können, wie viel virtuelles Wasser in einem Lebensmittel steckt. Das kann ziemlich viel sein, auch beim Rindfleisch.

Adrion: Richtig, da sind es bis zu 15.000 Liter pro Kilo. Und die industrielle Tierverarbeitung bedient den absurden Fleischkonsum in den Wohlstandsgesellschaften. Weltweit vertilgen wir Menschen jedes Jahr wahnsinnige 60 Milliarden Nutztiere!

Paetow: Die Zahl scheint mir arg hoch gegriffen. Ich halte ja selbst Schweine. Die Deutschen essen jedes Jahr pro Kopf 59 Kilo Fleisch. Das entspricht grob dem, was an Fleisch aus einem normalen Schwein verwendet wird. Wenn die Zahl von 60 Milliarden Tieren stimmt, muss irgendwer auf der Welt sehr gewaltig reinhauen.

Adrion: Geflügel steht in der Statistik weit vorne. Hühner sind viel kleiner und leichter als Schweine.