1. Der Regierungschef will Schienen

Deutschland diskutiert über die Fragen, wann die Republik aus der Braunkohle aussteigt und was das für die Lausitz bedeutet – aber bei Dietmar Woidke klingt es, als müsste man es gar nicht so kompliziert machen. Denn eigentlich, das lässt er einen gleich wissen, gebe es einfache Ideen, die helfen würden. Es ärgert ihn zum Beispiel, dass er so etwas überhaupt noch fordern muss; dass es nicht längst Wirklichkeit geworden ist, aber einer seiner Lieblingswünsche wäre: ein zweites Bahngleis zwischen Lübbenau und Cottbus. Das, sagt Brandenburgs SPD-Ministerpräsident am Telefon, habe früher, ganz früher, ja sogar schon einmal existiert. Aber nach dem Zweiten Weltkrieg sei es abmontiert und als Reparationsleistung in die Sowjetunion gebracht worden. "Wir kämpfen immer noch darum, dass das, was nach dem Krieg als Reparation abgebaut wurde, wieder aufgebaut wird!", sagt er. Und er ist ehrlich empört.

Zwischen Lübbenau und Cottbus liegen nur 30 Kilometer. Mit dem Auto braucht man von hier nach da eine halbe Stunde. Der Zug schafft die Strecke in 17 Minuten. Eigentlich gut für Pendler. Trotzdem sind viele Lausitzer hier auf ein Auto angewiesen, weil der Zug nur stündlich fährt, nicht häufiger. Ein zweites Gleis könnte das ändern. "Wir leben jetzt im Jahre 30 nach dem Mauerfall", sagt Dietmar Woidke. Dass es immer noch nicht gebaut ist? Sei "wirklich nicht nachvollziehbar".

Neulich, beim Braunkohle-Gipfel im Bundeskanzleramt, hat Woidke sich auch darüber mit Angela Merkel unterhalten. "Wir sind an dem Abend wirklich gut weitergekommen", sagt er. So werde beispielsweise über eine verbindliche Zahl von Arbeitsplätzen nachgedacht, die von Bundesbehörden in der Region geschaffen werden müssten.

Und einen ganz wichtigen Nebeneffekt habe die ganze Debatte auch: Deutschland interessiere sich wieder für Strukturentwicklungen in den Regionen, sagt Woidke. Das sei 25 Jahre lang nicht so gewesen. "Mittlerweile hat auch die Bundesregierung verstanden, dass man nicht einfach einen Schalter umlegt und dann geht es einfach so weiter."

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2. Und wie wäre es mit Batterien?

Im Oktober war Heike Wernitz demonstrieren – in der Hoffnung, dass ihre Botschaft um die ganze Welt geht, dass sie auch in Kalifornien, im Silicon Valley, zu hören ist. Dort hat der Elektroauto-Hersteller Tesla seinen Sitz, und genau dem wollte sie etwas mitteilen.

Heike Wernitz ist Geschäftsführerin der Cottbus-Niederlassung des Energieunternehmens EnviaM mit 300 Angestellten. Als sie erfuhr, dass Tesla gedenke, in Europa einen neuen Produktionsstandort zu eröffnen – und dass womöglich in Deutschland eine Batteriefabrik entstehen solle –, war sie begeistert. Denn sie hätte diese Fabrik gern in der Lausitz, sagt Heike Wernitz.

Wernitz kommt selbst aus Cottbus und glaubt, so eine Fabrik könnte vielen Menschen Arbeit geben. "Wenn sich hier Unternehmen ansiedeln, profitieren davon nicht nur die Fachangestellten, sondern auch der Bäcker, Fleischer, Autoverkäufer." Und natürlich auch ihr, Wernitz' Unternehmen.

Dass eine Batteriefabrik genau das Richtige für die Lausitz sein könnte, sah man auch schon in der Bundesregierung so. Vergangenes Jahr kündigte Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier an, dass er eine deutsche Batteriezellenfabrik in der Lausitz ansiedeln wolle. Nur passiert ist bisher nichts.

Deswegen trommelte Heike Wernitz im Oktober Leute zusammen. Am Lausitzring hielten sie und etwa 500 andere Demonstranten Taschenlampen Richtung Himmel. Ein Zeichen für Tesla. Nur das Unternehmen hat noch nicht verraten, wie es nun plant.

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3. Dann ist eben künftig Platz zum Feiern

Warum er sich die Lausitz für sein Festival ausgesucht hat, liegt für Alexander Dettke auf der Hand: "Man hat sehr viel günstigen Raum und ist nah dran an Berlin und anderen Großstädten", sagt er. Seit fünf Jahren veranstaltet er das "Wilde Möhre"-Festival bei Drebkau, auf einem ehemaligen Tagebau-Gebiet mit Bars, Hütten, Workshops, Musik und Kultur. 5000 Leute kommen Jahr für Jahr, mehr Frauen als Männer, im Durchschnitt sind sie 27 Jahre alt.

Dettke und seine Kollegen haben ihr Büro in Berlin, aber verbringen immer die Hälfte des Jahres auf dem Drebkauer Gelände. Dieses ist Anziehungspunkt für junge Kreative aus der Gegend. Die Lausitzer Behörden seien anfangs skeptisch gegenüber "diesen Verrückten" gewesen, erzählt Dettke. Mittlerweile seien sie es nicht mehr. So ein Festival bringe Vorteile für alle: Die Veranstalter der "Wilden Möhre" geben jährlich 250.000 Euro in der Lausitz aus. Hinzu kommt das Geld, das die Besucher im regionalen Supermarkt lassen.

Festival in der Lausitz © Floforce

Was Leute wie Dettke brauchen, damit es mehr von diesen Festivals gibt? Ein bisschen Experimentiergeist in den Verwaltungen der Städte und Landkreise, sagt er. Ein bisschen Bereitschaft, auch mal eine Sonderregelung zu schaffen. Nur dann darf man zum Beispiel in ehemaligen Tagebau-Geländen bauen. Dettke ist überzeugt: "Die Lausitz hat ideale Bedingungen, um ein Magnet für Kulturschaffende zu werden."

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4. Vielleicht braucht es weniger Regeln?

Als Bürgermeisterin der Stadt Spremberg sitzt Christine Herntier in der Kohlekommission der Bundesregierung. Also an durchaus wichtiger Stelle: Die Kohlekommission ist jenes Gremium, das bis Anfang Februar Vorschläge erarbeiten soll, wie der Braunkohleausstieg in Deutschland realisierbar wäre. Und was die betroffenen Regionen bräuchten. Was Herntier dort fordert, klingt nach einer bürokratischen Kleinigkeit, wäre aber genau das Gegenteil: Sie will, dass die Lausitz zur "Sonderwirtschaftszone" erklärt wird. Dass also bestimmte Regeln, die anderswo gelten, hier außer Kraft gesetzt werden. Es solle in der Lausitz etwa schneller und günstiger als anderswo werden, ein Unternehmen aufzubauen. "Unternehmen brauchen Platz und Zeit. Wenn hier alles doppelt so schnell geht, ist das ein echter Anreiz", sagt Herntier.

Eine Sache ist ihr außerdem wichtig: dass das Geld, das wohl bald über der Lausitz ausgeschüttet wird, auch von der Lausitz aus verteilt wird. In Senftenberg sitzt ein Bundesunternehmen, die Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbau-Verwaltungsgesellschaft. Diese könne ausgebaut werden und die Milliarden verwalten, findet die Bürgermeisterin. "So hat man gleich mehr Arbeitsplätze direkt in der Region geschaffen."

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5. Oder muss man gar nichts ändern?

Am besten würde es Andreas Rösel gefallen, wenn es einfach bei der Kohle bliebe – wenigstens so lange, bis die Vorkommen in den sowieso schon offenen Tagebauen vollständig erschöpft sind. Rösel, 59, arbeitet seit mehr als 40 Jahren in der Kohle, die Hälfte davon im Kraftwerk Schwarze Pumpe, und er versteht nicht so recht, wie einige jetzt gestellte Forderungen ihm und seinen Kollegen helfen sollen. Zum Beispiel die Forderung nach besserer Infrastruktur: "Als ob es zurzeit unmöglich wäre, mit Auto oder Bahn nach Berlin zu kommen!"

Oder doch weiter mit Braunkohlebaggern? © Florian Gaertner/Photothek via Getty Images

Rösel findet, man müsse in der Lausitz vielmehr bei der Energie-Expertise bleiben – neue Speichertechnologien für erneuerbare Energien entwickeln, etwa mittels Wasserstoff. In der Tat haben Forscher der Uni Cottbus-Senftenberg ein Konzept für solch ein Kraftwerk schon erarbeitet. Rösel sagt: "Wir hier brauchen keine Abfindungen, keine schnelle Zugverbindung, wir brauchen Arbeitsplätze in einer Industrie, in der unser Wissen anerkannt wird." Nur das verhindere, dass die Menschen künftig Populisten wählen.

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6. Dann ziehen Sie doch einfach um!

So viele Presseanfragen wie zuletzt bekommt Oliver Holtemöller selten. Kein Wunder: Sein Vorschlag für die Lausitz musste ja Empörung auslösen.

Holtemöller arbeitet am Institut für Wirtschaftsforschung in Halle (IWH) und hat vorige Woche eine Studie veröffentlicht, die untersuchte, was mit der Lausitz bei einem Kohleausstieg im Jahr 2035 passieren könnte. Die Aussichten sind zwar nicht rosig. Aber was die Studie auch zeigt: Probleme hätte die Lausitz sowieso, aufgrund von Landflucht und demografischem Wandel. Der Kohleausstieg beschleunigt die Effekte nur. Holtemöller sagt: "Eine Politik, die behauptet, sie werde den Strukturwandel verhindern, ist unglaubwürdig, weil man ihn gar nicht verhindern kann." Gesamtwirtschaftlich mache es keinen Sinn, an einer Stelle neue Unternehmen mit staatlicher Förderung aufzubauen, wenn anderswo Fachkräftemangel herrsche, sagt Holtemöller. Was er stattdessen vorschlägt: Das Geld solle direkt an die Lausitzer ausgezahlt werden. In Form von Weiterbildungsmaßnahmen, Abfindungen oder – jetzt kommt der Vorschlag mit Empörungspotenzial – Umzugsprämien für Menschen, die wegwollen. Denn aus Makro-Perspektive sei wichtig, dass Menschen schnell wieder in Beschäftigung kommen. "In der Braunkohle-Industrie arbeitet hoch qualifiziertes Personal", so Holtemöller. Das werde auch anderswo gebraucht.

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7. Ein bisschen Optimismus würde schon helfen

Als Katharina Köhler in der Zeitung las, dass Oliver Holtemöller Umzugsprämien für die Bewohner der Lausitz vorgeschlagen hat, war sie regelrecht schockiert: "Solche Vorschläge helfen den Leuten hier nicht!" Was helfe, sei vielmehr Optimismus. Köhler kommt aus der Lausitz, seit acht Jahren arbeitet sie als Pfarrerin in Dissen bei Cottbus, ist für 1100 Gemeindemitglieder da. Die Leute seien verunsichert, viele hätten Angst vor den anstehenden Veränderungen. "Wir Lausitzer erdulden oft nur und ducken uns weg. Wir müssen anfangen, offensiv zu werden", sagt sie.

Da sieht sie auch Medien in der Pflicht, die mehr auf die schönen Seiten schauen sollten: Seen, Fahrradwege, Spreewald, die tolle Gemeinschaft. Das versucht Köhler auch sonntags ihrer Gemeinde zu vermitteln. "Viele haben sich so an die Lausitz gewöhnt, sie sehen überhaupt nicht mehr, was für ein Schatz sie ist."

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8. Man bräuchte mehr Forschung

Manchmal hilft ja schon das Wissen darum, dass man mit seinen Problemen nicht allein ist. Wenn man Jens Südekum, Professor für internationale Volkswirtschaftslehre in Düsseldorf, auf die Lausitz anspricht, dann sagt er: Man solle doch einmal über den Atlantik gucken. Dorthin, wo schon große Strukturbrüche stattfanden, zum Beispiel nach Pittsburgh oder Cleveland. Die Städte sind etwa gleich groß, gehören zur ältesten Industrieregion der USA. "Beide Städte sind abgeschmiert, aber Pittsburgh hat sich besser erholt", sagt Südekum. Der Unterschied: Pittsburgh hat eine größere Uni. Die Wirtschaft entwickle sich dort besser, wo Forschungseinrichtungen existierten. Für Südekum heißt das: die Technische Universität Cottbus-Senftenberg müsse ausgebaut werden. "Das ist keine Wunderwaffe, aber die Empirie zeigt, dass es funktioniert – und die nachhaltigste Hilfe für eine Region ist."

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9. Ein Hightech-Krankenhaus wäre auch gut

Wenn man Götz Brodermann zuhört, klingt es, als sei der Kohleausstieg für die Lausitz mehr Chance als Gefahr. Brodermann ist Geschäftsführer des Carl-Thiem-Klinikums in Cottbus. Wer ihn fragt, wird gleich mit Ideen bombardiert: Forschungsklinik, Gesundheitscampus, Telemedizin, Pflegeroboter, elektronische Patientenakte, kurz: ein digitales Vorzeige-Forschungskrankenhaus solle aus seiner Klinik werden. "Wir müssen den Leuten zeigen, dass man hier nach vorn denkt", sagt er. Die Lausitz müsse neue Gewerbe anziehen. Warum nicht mit dem Gesundheitssektor anfangen? Sein Krankenhaus könne das Forschungslabor der Uni Cottbus-Senftenberg werden. "Wir müssen etwas Neues schaffen, von dem man sagen kann: Das gibt’s nur in der Lausitz! Etwas, das so strahlt, dass die Lausitzer stolz drauf sein können", so Brodermann.

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10. Wie lockt man Zuwanderer in die Lausitz?

Seit 2010 ist Kathrin Tupaj Integrationsbeauftragte des Landkreises Oberspreewald-Lausitz, der Ausländeranteil hier liegt bei vier Prozent. Das ist nicht viel im Vergleich zu Westdeutschland, aber deutlich mehr als vor einigen Jahren. Und so mancher Lausitzer begegnet den Zugezogenen mit Skepsis. Tupaj findet: Man sollte in der Migration vielmehr eine Chance sehen. "Diese Menschen bringen auch ein Potenzial mit." Aus ihrer Arbeit wisse sie: Viele Migranten hätten Lust, sich einzubringen, einen Verein zu gründen, ein Geschäft zu eröffnen. In Senftenberg habe ein Flüchtling einen eigenen Friseursalon eröffnet. In Großräschen habe ein Syrer einen arabischen Lebensmittelmarkt gegründet. "Das sollten wir nutzen", sagt Tupaj. "Warum fahren denn alle zum Shoppen nach Berlin? Weil es hier keine Geschäfte gibt. Das kann sich doch wieder ändern."

Cottbus als künftige Metropole der Lausitz? © Gerhard Westrich/laif

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11. Behörden bringen Jobs

Klaus Freytag hat eine lange Ideenliste voll mit möglichen Lösungen für seine Wahlheimat. Seit vorigem Jahr ist der SPD-Politiker Lausitz-Beauftragter des Landes Brandenburg – und allein sein Konzept für ein Sofortprogramm umfasst 33 konkrete Vorschläge: von der Gründung eines Fachverbands für Agroforstwirtschaft bis zum Ausbau der Radwege. Die Liste enthalte alles, was die Lausitz erwarte, so Freytag. Und in markigen Worten sagt er: "Der Bund hat hierfür das Geld bereitzustellen." Freytag registriert zwar, dass Lausitzer Belange stärker wahrgenommen werden. Aber eigentlich fällt ihm der Respekt gegenüber den Leuten hier, auch den Braunkohlearbeitern, noch zu gering aus: "Schauen Sie mal, mit wie vielen Tränen die letzten Zechen im Pott geschlossen worden sind. Und wie wenig die Arbeitslosigkeit der Leute hier Anfang der 1990er wahrgenommen wurde. Da sagen wir: Hallo?!" Es ärgere ihn auch, dass das neue Fernstraßenbundesamt in Leipzig angesiedelt werde und dass man das als Erfolg für ganz Ostdeutschland verkaufe. "Dabei braucht doch vor allem die Lausitz Bundesbehörden", sagt Freytag. Er denkt zum Beispiel an das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik. Das Problem: Das steht in Bonn. "Na dann", sagt Freytag, "von Bonn auf nach Cottbus!"

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12. Und Autobahnen schaden nie

Wie wichtig die Braunkohle auch für andere Gewerbe ist, sieht man auf der Homepage des Lindenhofs Boxberg. Die Gaststätte in der gleichnamigen Gemeinde liegt in der Oberlausitz. Sie wirbt auf ihrer Startseite – noch ehe das hausgemachte Softeis zur Sprache kommt – damit, dass sie nur einen Kilometer entfernt vom Kraftwerk liegt. Dessen Arbeiter seien hier oft und gern gesehene Gäste, sagt Andre Markwitz, der Wirt. "Schließt das Kraftwerk, brechen uns 30 Prozent des Umsatzes weg."

Markwitz, 45, kommt aus Boxberg, zog für eine Lehrstelle in den Westen und kehrte zurück, um die Familienfirma zu übernehmen. Fragt man Markwitz nach Lösungen für seine Heimat, seine Gaststätte, muss er nicht lange überlegen: "Das Straßennetz soll ausgebaut werden!" Die nächste Autobahn liege von ihm aus 39 Kilometer entfernt, knapp 40 Minuten Autofahrt. "Wäre die Gegend besser angebunden, würden auch mehr Touristen, Unternehmen, Arbeiter hierherkommen und damit auch mehr Gäste", sagt Markwitz. "Und vielleicht würden wieder mehr Menschen bleiben."

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