Zwei Mal stach der 36-Jährige an diesem Montag zu. Auf einem Parkplatz in der niederösterreichischen Stadt Tulln, mit einem Dolch, auf seine Ehefrau. Sie ist die siebte ermordete Frau in Österreich seit Weihnachten, die fünfte seit Jahresbeginn. 43 weibliche Mordopfer gab es im vergangenen Jahr. Allesamt wurden sie von Männern getötet. Männer, die meist aus dem privaten Umfeld der Opfer kamen.

Solche Zahlen müssen verstören. Und tatsächlich scheint gerade etwas Überfälliges in Bewegung zu kommen: Österreich macht sich Gedanken über männliche Gewalt und Hass auf Frauen, über patriarchale Strukturen und misogyne Weltbilder. Woher, so fragt man sich, kommt diese Flut der Frauenmorde? War Femizid nicht etwas, von dem zuvor höchstens dann zu hören war, wenn es um sogenannte Ehrenmorde in rückständigeren Kulturen ging oder um anhaltenden Machismus in Italien oder Südamerika (ZEIT Nr. 41/18)? Und wer sind diese Gewalttäter? Wer erwürgt, ersticht, ertränkt, erschießt seine Partnerin, Ex- oder Wunschfrau, seine Mutter, Schwester oder Tochter?

Die Regierung aus ÖVP und FPÖ hat ihren Schuldigen rasch ausgemacht: den Fremden. Außenministerin Karin Kneissl nennt es ein "Faktum, dass wir ohne die Migrationskrise von 2015 nicht diese Form an Gewalt an Frauen hätten". Staatssekretärin Karoline Edtstadler spricht von importierten Wertehaltungen, und mitverantwortlich seien, so Vizekanzler Heinz-Christian Strache, "die Willkommensklatscher".

Diese Stammtischverkürzung ist doppelt gefährlich. Damit würgt man einerseits die gesellschaftliche Verhandlung der eigenen Schattenseiten ab, bevor sie noch wirklich begonnen hat, und ignoriert jene Macht- und Gewaltmuster, die in Österreich pro Jahr verantwortlich sind für fast 9.000 Wegweisungen (vergleichbar mit dem deutschen Kontaktverbot) und für eine ungleich höhere Dunkelziffer der von Männergewalt innerhalb einer Beziehung terrorisierten Frauen.

Patriarchale Strukturen und Gewalt gebe es unter Österreichern höchstens vereinzelt, behauptet nun die ehemalige Richterin Edtstadler – und wenn Österreicher doch mordeten, dann weil sie die Ausländer nachahmten. Das ist eine Verhöhnung aller Opfer. Jede fünfte Frau in diesem Land erlebt mindestens einmal im Leben männliche Gewalt, und das war früher keineswegs besser. Meist misshandeln und vergewaltigen die Täter in den eigenen vier Wänden. Es klingt müßig, zu sagen: Nein, diese Männer sind keineswegs nur Migranten. Doch ausgerechnet dieser Tage müssen es Opferschutzeinrichtungen und Männerberatungen wiederkäuen: Sie haben es genauso mit Hofräten, Politikern oder Ärzten zu tun, mit angesehenen, nach außen hin aufgeklärt auftretenden Österreichern.

Zugleich droht die Frage nach einem Zusammenhang zwischen Wertehaltungen und Gewalt wieder einmal in den ideologischen Schubladen zu münden: Hier jenes Denken, das Flüchtlinge und Migranten per se als gefährlich kategorisiert. Dort die Angst, dem Rassismus in die Hände zu spielen, wenn man sich mit Herkunft, Gesellschaftsbildern und Kriminalitätsraten beschäftigt.

Seit Tagen wird auf dieser verminten Arena mit Zahlenvergleichen und Einzelfällen jongliert. Die österreichische Frauenministerin Juliane Bogner-Strauß, Außenministerin Kneissl und Staatssekretärin Edtstadler haben bei ihrer Pressekonferenz vergangene Woche wohl nicht zufällig über drei der bis dahin vier Frauenmorde 2019 gesprochen, bei denen der Täter einmal ein syrischer Asylwerber, einmal ein Österreicher "mit türkischen Wurzeln" und einmal ein Spanier "mit afrikanischen Wurzeln" war. Letzterer taugt zwar wenig zum Beispiel für den Migranten mit archaischem Gebaren: Der Mann, der mutmaßlich unter Drogeneinfluss am Wiener Hauptbahnhof seine Schwester erstochen hat, war als Kind von einer Familie aus Nordspanien adoptiert und dort sozialisiert worden. Doch als dritter Täter mit Migrationshintergrund unterstreicht er die These vom importierten Problem.

Was die Ministerinnen nicht ansprachen: Den 42-jährigen Niederösterreicher, der am 9. Januar seine Ex-Frau erstach. Oder jenen Wiener, der am 11. Januar nach Ungarn gefahren und mit Schüssen, Molotowcocktails und einer Axt auf seine ehemalige Lebensgefährtin und deren Familie losgegangen war. So wie er taucht auch der Vorarlberger, der im September in Südtirol 43 Mal mit einem Messer auf seine Frau einstach, in der österreichischen Mordstatistik nicht auf, sondern erhöht im Ausland die Delinquenz von Ausländern.

Es ist nicht so einfach, Gewalt zu vermessen. Eine Eurostat-Auswertung aus dem Jahr 2015 besagt: Nirgendwo in Europa ist der Frauenanteil unter den Mordopfern eines tätlichen Angriffs höher als in Österreich. Doch Ländervergleiche sind wenig solide, denn jedes Land erhebt anders. Selbst in Österreich gibt die polizeiliche Anzeigenstatistik ein anderes Bild ab als die Verurteilungsstatistik der Justiz, und die Todesursachenstatistik legt wieder andere Schlüsse nahe.

Wer behauptet, erst die Migrationswelle habe seit 2015 diese extreme Form der Männergewalt nach Österreich gebracht, stützt sich dabei jedenfalls nicht auf Zahlen. Der Ausländeranteil unter den Mordverdächtigen beispielsweise lag in den Jahren vor 2015 bei 32,9 Prozent, zwischen 2015 bis 2018 bei 32,3 Prozent.