Der Roboter Apollo geht in Tübingen in die KI-Schule. © Sebastian Mast

Facebook ist böse: Es manipuliert Menschen – und hilft dabei, Wahlen zu manipulieren. Jetzt will Facebook sein Image manipulieren, indem es der TU München 6,5 Millionen Euro zahlt, für ein Institute for Ethics in Artificial Intelligence.

Amazon ist böse: miserable Arbeitsbedingungen. Konsum pur. Und per künstlicher Intelligenz (KI) will der Konzern uns noch mehr verkaufen. Darum investiert Amazon 1,25 Millionen Euro in Tübinger Wissenschaftseinrichtungen, will dort gar ein eigenes Forschungszentrum gründen.

Beide Initiativen stoßen auf Kritik. Dabei sind die Argumentationsmuster seltsam widersprüchlich – oder selbstverleugnend konsequent: Einerseits schimpfen wir über die Dominanz des Silicon Valley. Wir warnen vor dem Immer-schneller-immer-Mehr. Fürchten die wachsende Datengroßmacht China. Beklagen die Missachtung unserer Werte und Regeln. Wollen aber andererseits Amazon, Facebook und Co. dabei sein, wenn Deutschland endlich eine eigene Perspektive auf die KI entwickelt, dann ist uns das auch nicht recht.

Im November beschloss die Bundesregierung ihre "Strategie Künstliche Intelligenz". Mit drei Milliarden Euro bis 2025 setzt sie spät auf ein Feld, in dem längst weltweiter Wettbewerb tobt. Baden-Württemberg hatte schon im Dezember 2016 im Neckartal die Initiative Cyber Valley gestartet. Die Universitäten in Tübingen und Stuttgart bilden mit dem Max-Planck-Institut für Intelligente Systeme den akademischen Kern dieses Projekts – gefördert mit bisher 165 Millionen Euro.

Geld für eine der größten KI-Ballungen in Europa gibt nicht nur die öffentliche Hand, sondern – das ist so gewollt – auch die Industrie. Und das sorgt in Tübingen ähnlich wie in München für Grundsatzdebatten des Typs "dann lieber gar keine KI".

In Tübingen geht die Kritik von Rüstungsgegnern aus. Argumentation: Ohne das Militär hätte es das Internet gar nicht gegeben! KI-Forschung sei immer auch Rüstungsforschung. Zu den Friedensbewegten gesellen sich Konsumkritiker und zu denen Datenschützer. So geraten neben Amazon auch der Friedrichshafener Getriebebauer ZF ("Rüstung") und die Schufa ("Datenkrake") als Investoren ins Visier. Wie auch BMW, Daimler und Porsche.

Was die Kritiker übersehen: Gerade für die wichtigen Grundsatzfragen, die sie selbst im tiefen Innern bewegen, birgt der deutsche KI-Aufbruch enorme Chancen. Es müssen nicht nur wissenschaftliche, sondern auch zentrale gesellschaftliche Fragen beantwortet werden. Was soll KI künftig für uns leisten? Was darf sie über uns wissen? Wo kann sie Entscheidungen treffen? Und wo muss der Mensch das letzte Wort behalten?

Wir dürfen die Antworten auf diese Fragen nicht nur Amerikanern und Chinesen überlassen. Wer Regeln und Werte für KI definieren will, muss eine eigene Perspektive auf die KI entwickeln. Wenn uns andere dabei über die Schulter schauen wollen – willkommen! Womöglich können sie ja etwas lernen.