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Wie ist das Verhältnis zwischen Mozart und Faschismus? Darüber diskutiert die Türkei seit einigen Wochen. Ausgelöst wurde die Kontroverse durch Präsident Erdoğan, der zur großen Überraschung des Landes ein Klassikkonzert des Pianisten und Komponisten Fazıl Say besucht hatte. Überraschend war das aus zweierlei Gründen: Erstens ist Say bekannt als harscher Kritiker von Erdoğans AKP. Seine Konzerte und Kompositionen waren in der Vergangenheit schon öfter verboten worden. Zweitens hat der Präsident mit klassischer europäischer Musik nichts am Hut.

Der Schauspieler Rutkay Aziz kommentierte: "Wunderbar, dann hört er etwas Mozart und Beethoven, das tut gut." Diese Worte reichten schon, um Erdoğan die Toleranzschminke aus dem Gesicht zu wischen. Nun tönte er: "Einen Staatspräsidenten zwingen, Mozart zu hören, ist der Gipfel des Faschismus." Zwingen? Ihn hatte doch gar niemand gezwungen. Und Faschismus? Damit spielte er wohl auf die Zeit der Ein-Parteien-Herrschaft an. Denn die Gründer der Republik waren der Überzeugung, ein modernes Land müsse auch westliche Klassik hören. Ismet Inönü zum Beispiel, der Held des Befreiungskriegs, hörte bereits 1910 auf dem Jemen-Feldzug Konzerte am Grammofon. Und als Atatürk 1914 in Sofia erstmals eine Oper hörte, meinte er, verstanden zu haben, warum die Türkei im Balkankrieg unterlegen war: "Die Bulgaren haben die Oper."

Ein Jahr nach der Republikgründung im Jahr 1923 wurde das Musiklehrerseminar eingerichtet und kurz darauf in ein Konservatorium umgewandelt, das fortan Carl Ebert von der Deutschen Oper Berlin leitete. Als der Schah von Persien 1934 zum Staatsbesuch nach Ankara kam, ließ Atatürk extra eine Oper komponieren, um zu demonstrieren, wie fortschrittlich die Republik war. Und im Radio sollte auf sein Geheiß eine Weile statt türkischer Klassik mit ihren osmanischen Anklängen nur noch klassische westliche Musik gespielt werden.

Der Komponist Fazıl Say, Erdoğan-Kritiker und Symbol einer modernen Türkei © Bernd Thissen/dpa

Der nachfolgende Staatspräsident Ismet Inönü ließ kein Sinfonie-Konzert aus und nahm zu Hause Cello-Unterricht. In den nach 1940 eingerichteten Dorfinstituten und in Lehrerausbildungsstätten erhielten alle Schüler Mandolinen-, Geigen- und Flötenunterricht. Die Gründerin des Königlich-Britischen Balletts, Dame Ninette de Valois, rief 1947 die erste Ballettschule der Türkei ins Leben.

Als es jedoch 1950 zu den ersten freien Wahlen kam und die Reformer unterlagen, endeten all diese Initiativen: Carl Ebert legte sein Amt nieder, die Staatsführung besuchte keine Konzerte mehr, Seminare für Lehrer klassischer Musik machten dicht.

Erdoğan versteht die Gründungsära als repressive Phase, in der dem türkischen Volk eine fremde Kultur aufgezwungen worden sei. Das ist für ihn: "Faschismus". 1994, nach seiner Wahl zum Bürgermeister von Istanbul, fragte ihn eine Journalistin, ob er Probleme damit hätte, ihr die Hand zu geben, wäre sie Balletttänzerin. Er entgegnete, dann hätte er ihr einen Berufswechsel empfohlen, seine Töchter hätten zum Glück keine solchen Ambitionen.