Christa Kovacic ist keine Frau, die sich von ihren Erinnerungen überraschen lassen will. In dem kleinen, überordentlich aufgeräumten Zimmer der 78-Jährigen finden sich weder Fotos an den Wänden, noch breiten sich irgendwo Mitbringsel oder Billetts aus, diese kleinen Memorabilien, die sich meist im Laufe eines Lebens ansammeln.

Alles in Kovacic’ Refugium, das im Wohnhaus der Lebenshilfe im steirischen Trofaiach liegt, ist auf das Heute ausgerichtet. In der Gegenwart fühlt sich die zartgliedrige Dame mit dem mädchenhaften Glanz in den Augen am wohlsten. Die Vergangenheit hat sie sorgsam in der untersten Schublade einer Kommode verräumt. Fotoalben, Briefe, Dokumente: ein dicker Packen Leben.

Nicht viel hätte jedoch gefehlt, und bloß ein paar Blätter würden ihr Dasein bezeugen. 1940 kam Christa Kovacic in Leoben mit einer geistigen Beeinträchtigung zur Welt, in jenem Jahr, in dem die nationalsozialistischen Rassenfanatiker die "Aktion T4", die Vernichtung allen "lebensunwerten Lebens", auf den Weg brachten. 30.000 Menschen mit "seelischen und geistigen Behinderungen" wurden bis 1945 allein in Österreich ermordet. Dass die kleine Christa im Schatten der Hüttenwerke in Leoben-Donawitz, einem der größten Rüstungsschmieden des "Dritten Reichs", überlebte, war eigentlich ein Wunder.

Drei Jahre war das Mädchen alt, als sich nicht mehr verleugnen ließ, dass es nicht so war wie ihre Altersgenossen, dass es einfach länger brauchte, um gehen und sprechen zu lernen. Also gab man Kovacic 1944 weg, zur Großmutter, ins nahe Trofaiach. Die hielt in ihrem Haus bereits andere Kinder versteckt, die nicht dem rassischen Reinheitsgebot entsprachen.

"Ich war wirklich glücklich damals", sagt Christa Kovacic. Ein Gefühl von Sicherheit und Vertrautheit, das sie erst Jahrzehnte später wieder erfahren würde. Auch im Nachkriegsösterreich war kein Platz für eine wie sie, schon gar nicht in ihrem Elternhaus. Nach der Volksschule wurde sie in mehrere Heime abgeschoben, mit Anfang zwanzig fand sie in einem Verteillager der Post in Wiener Neustadt Arbeit, ihre Bleibe war in einer Baracke am Areal. "Ich mochte meine Arbeit", sagt sie mit einem Lächeln – das aber mit einem Mal in sich zusammenfällt, als die Sprache auf ihren Vorgesetzten kommt. Nicht nur er habe sie bedrängt, erzählt sie, auch andere. "Ich hab immer Nein gesagt, hab mich gewehrt, aber ..." Christa Kovacic verstummt, will nicht in den Abgrund hinter diesem "aber" blicken.

Noch vor 40 Jahren erreichten Menschen mit Trisomie 21 selten das 25. Lebensjahr

Mit Anfang dreißig kehrte Kovacic ins Leobener Elternhaus zurück, kümmerte sich um den Haushalt, bügelte und kochte, räumte die leeren Bier- und Schnapsflaschen weg, die der Vater hinterließ, stumme Zeugen der ständigen Streitereien ihrer Eltern.

Als der Haustyrann starb, war die Tochter 51 Jahre alt, danach kümmerte sie sich noch acht Jahre lang um ihre sieche Mutter. Viel Leben, viel Arbeit für eine Frau, die mit dem Stigma aufwuchs, "schwachsinnig" zu sein.

Nun geht Christa Kovacic auf ihren Achtziger zu – und ihr Schicksal, ihre Erfahrungen stehen sinnbildlich für eine Generation von Menschen mit geistiger Beeinträchtigung, die zum ersten Mal in der Geschichte seit 1945 ein höheres Lebensalter erreicht. Eine Entwicklung, die Betroffene, Organisationen und sozial engagierte Vereine wie Lebenshilfen, Caritas oder Diakonie, vor allem aber den Sozialstaat vor große Herausforderungen stellen wird.

Alters- und Sozialforscher rechnen bis zum Jahr 2030 mit einer Verzehnfachung der Zahl der über Sechzigjährigen mit intellektueller Beeinträchtigung. Exakte Zahlen lassen sich für Österreich schwer hochrechnen, da Daten über die Altersstruktur der insgesamt 85.000 Menschen mit geistiger Behinderung fehlen.

Doch allein bei den Lebenshilfen, dem mit aktuell 11.000 Klienten größten Behindertenverband, wären in zehn Jahren mehr als 6.500 Menschen älter als 60 Jahre. Wo sollen sie versorgt werden, wenn die medizinischen Möglichkeiten in den Wohnhäusern nicht mehr ausreichen? In eigenen Seniorenunterkünften? Oder, preisgünstiger, im ganz normalen Pflegeheim? Und wer kommt für die steigenden Kosten für speziell adaptierte Gebäude, für das zusätzliche Betreuungspersonal auf?