Warum ausgerechnet Malaysia? Das südostasiatische Land hat vor wenigen Tagen bekannt gegeben, israelische Athleten würden für einen Wettbewerb im Vorfeld der nächsten Paralympischen Spiele keine Visa bekommen. Nach scharfem Protest der Regierung in Jerusalem erklärte der malaysische Premierminister Mahathir Mohamad: "Ein Land hat das Recht, seine Grenzen für gewisse Leute geschlossen zu halten"; im Übrigen sei er kein Antisemit. Doch genau das ist der Regierungschef ausweislich zahlreicher über viele Jahre verteilter Äußerungen. Er hat Juden "hakennasig" genannt und von ihrem "instinktiven Sinn für Geld" gesprochen; er hat verschwörungstheoretisch suggeriert, beim Thema Israel habe die Meinungsfreiheit ein Ende. Offenbar kann Mahathir mit solchen Einlassungen in seinem Land auf verbreitete Zustimmung zählen: Eine Studie der Anti Defamation League hat 2014 bei 61 Prozent der erwachsenen Bürger in Malaysia massive antisemitische Vorurteile festgestellt. Das war eine höhere Quote als etwa im benachbarten Indonesien (48 Prozent) oder in Bangladesch (32 Prozent) – beides ebenfalls asiatische Länder mit muslimischer Bevölkerungsmehrheit, sogar erheblich größerer. Warum bietet Malaysia so fruchtbaren Boden für Judenfeindlichkeit?

Ein Teil der Antwort hat gewiss mit dem heute 93-jährigen Premierminister zu tun, der seit Jahrzehnten eine zentrale Rolle in Malaysia spielt und antisemitische Motive obsessiv bewirtschaftet. Für ökonomische Probleme seines Landes hatte er schon in den 1980er-Jahren die "zionistische Presse" verantwortlich gemacht; die Finanzkrise von 1997 brachte er mit einer "internationalen jüdischen Verschwörung" in Verbindung. In einer Rede vor der Organisation der Islamischen Konferenz, einer Gruppierung muslimischer Staaten, erklärte Mahathir 2003: "Die Europäer haben sechs von zwölf Millionen Juden getötet. Aber heute beherrschen die Juden diese Welt durch Stellvertreter. Sie bringen andere dazu, für sie zu kämpfen und zu sterben." Immer wieder hat sich die antisemitische Tendenz auch in der Kulturpolitik Malaysias niedergeschlagen – von der Weigerung, den New Yorker Philharmonikern die Aufführung eines Werks des jüdischen Komponisten Ernst Bloch in Kuala Lumpur zu gestatten, bis zum Verbot von Steven Spielbergs Holocaust-Film Schindlers Liste. In vielen islamischen Ländern ist die Öffentlichkeit für judenfeindliche Parolen ansprechbar, in Malaysia haben der Staat und der führende Staatsmann diese Ansprechbarkeit hemmungslos bedient und ausgebeutet.

Doch mag es noch einen weiteren, tieferen Grund für die antisemitische Tendenz in Malaysia geben. Das ist der prekäre Nationalismus des Landes. Malaysia ist ein Vielvölkerstaat: Gut die Hälfte der Bevölkerung sind muslimische Malayen, daneben stellen ethnische Inder und vor allem Chinesen (mit mehr als 20 Prozent) starke Minderheiten. Besonders die chinesische Bevölkerungsgruppe, die traditionell wirtschaftlich sehr erfolgreich ist, wird immer wieder Gegenstand von Missgunst und Diskriminierung. Da die Familien der chinesischstämmigen Bürger zumeist im 19. und frühen 20. Jahrhundert eingewandert sind, gehören sie aus der Perspektive eines malayischen Ethnonationalismus nicht wirklich dazu und bleiben halbe Fremde. Die muslimischen Malayen werden dagegen als eigentliches, echtes Staatsvolk propagiert und gefördert, als die wahren Kinder des Landes und Bodens. Es ist ein politisches Weltbild mit unverkennbar rassistischen Zügen und Gefahren. Man kann sich leider nur zu gut vorstellen, wie es gegen eine andere angeblich wurzellose und volksfremde Menschengruppe gewendet wird: die Juden.