Der Chef eines der größten Handwerksbetriebe für Heizungsbau in Deutschland spricht gern zweisprachig. "Welcome to the August 18 all employee meeting, herzlich willkommen! Heute geht es knackig los", sagt Philipp Pausder. Er holt mit dem ganzen Arm aus, wirft ihn dann mit aller Kraft nach unten, um laut zu schnipsen. "Three things in three minutes. Ihr könnt mich clocken!" 150 Mitarbeiter sitzen vor ihm, schätzungsweise 80 Handwerker im Außendienst schauen aus der Ferne zu, über ihre Firmentablets.

Jeden Monat gibt es bei Thermondo so eine Konferenz für alle Mitarbeiter. Die versprochenen drei Minuten redet Pausder heute weiter im ständigen Wechsel zwischen Deutsch, Denglisch und Englisch. "Big applause" für das Betriebsergebnis, dann noch einmal für die "Frontend-Entwickler" und als Letztes "Applaus" für Alex. Der hat seine Lehre zum Heizungsinstallateur erfolgreich beendet.

Im Gegensatz zu Alex hat der 43-jährige Pausder nie so eine Lehre abgeschlossen. Aber der Zwei-Meter-Mann, der in Chino-Hose und T-Shirt auf der Bühne im Erdgeschoss des Firmengebäudes vor- und zurückläuft, als hätte er es sich bei Steve Jobs abgeguckt, hat sich trotzdem vorgenommen, die Heizungsbau-Branche umzukrempeln. Und er könnte Erfolg damit haben.

Er sieht sich als CEO eines Start-ups, nicht als Chef eines Handwerksbetriebs

Thermondo könnte für die Heizungsinstallateure das werden, was Fielmann für das klassische Optikergewerbe war. Mit modernen Brillen für Kassenpatienten und günstiger Massenproduktion im Ausland stellte der Optiker die Branche – früher geprägt von vielen kleinen Einzelhändlern – völlig auf den Kopf. Die Heizungsbranche ist heute ähnlich kleinteilig aufgestellt wie damals das Optikergewerbe. Betriebe für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik haben im Schnitt nur sieben Mitarbeiter. Die kümmern sich um alles selbst: Verkauf, Installation und Wartung der Heizungen. Typische Handwerksbetriebe eben.

Philipp Pausder tickt anders. Er stellt sich nicht als Geschäftsführer einer Heizungsbaufirma vor, sondern als "CEO eines Berliner Start-ups". Seine vor sechs Jahren gegründete Firma hat 305 Mitarbeiter, die aus 22 Ländern stammen. So ist das Sprachgemisch, das der Chef pflegt, notwendig, damit seine Angestellten ihn verstehen. Von ihnen sind nur 160 Handwerker, der Rest arbeitet als Kundenberater, in der Verwaltung oder als Produkt- oder Softwareentwickler.

Die Entwickler haben ein Online-System programmiert, das die zu den Kundenwünschen passende Heizung finden soll. Interessenten beantworten dazu auf der Website des Unternehmens Fragen zu ihrer aktuellen Heizung, ihrer Wunschheizung und der Größe ihres Hauses. Danach ruft ein Berater an, bittet um weitere Informationen und erstellt ein Angebot für eine geeignete Heizung zum Festpreis. Die Handwerker müssen sie dann nur noch einbauen. Der Mix aus Datenanalyse, telefonischer Beratung und Montage hat Erfolg. 15.000 Heizungen installierte Thermondo seit Gründung. Die Financial Times erklärte die Firma Anfang 2018 zum am schnellsten wachsenden Unternehmen Deutschlands.

Pausder, der selbst nie als Heizungsbauer gearbeitet hat, kam 2011 auf die Idee, ein eigenes Energieunternehmen zu gründen. Zu dieser Zeit reisen er und sein Mitgründer Florian Tetzlaff als Energieberater um die Welt. Sie beraten Klienten auf den Philippinen und in Dubai, als sie in den Nachrichten sehen, wie in Fukushima die Reaktorblöcke explodieren. Bald danach leitet Bundeskanzlerin Angela Merkel die Energiewende ein. Darin, so erzählt es Pausder, erkennen die beiden Gründer damals eine Geschäftschance. Zuerst versuchen sie, kleine Blockheizkraftwerke, die besonders effizient Strom und Wärme produzieren, an Mittelständler zu verkaufen. Doch das Geschäft ist zu kompliziert. Dann satteln sie auf Heizungen um. Ein riesiger Markt und ein Schlüssel zur CO₂-Reduktion. So wirbt Thermondo heute auf seiner Website: "Mit einem effizienten Heizgerät reduzieren Sie Ihren CO₂-Ausstoß um bis zu 30 Prozent." Die Unternehmensvision laute: "<2°". Pausder sagt es so: "Kleiner zwei Grad – die kürzeste Unternehmensvision der Welt."

Tatsächlich macht das Heizen etwa ein Viertel des Primärenergieverbrauchs deutscher Haushalte aus. Heizungen zu erneuern kann also gegen den Klimawandel helfen. Pausder sieht sich daher als Gründer mit einer ökologischen Mission.

Wer ihn an einem Freitag Ende September beobachtet, könnte ihm das Öko-Bewusstsein abnehmen. Gegen acht Uhr morgens schwingt sich Pausder vor seinem Wohnhaus in Berlin-Prenzlauer Berg auf sein Lastenrad. Damit fährt er umweltschonend zur Arbeit. Doch in dem Moment, in dem er losradelt, fährt seine Frau den Familien-SUV aus der Tiefgarage. Pausder mag der Klimaschutz wichtig sein, wirklich konsequent danach leben tut er nicht.