Wir brauchen eine neue Architektur für die heutige Welt – mehr Frank Gehry als antikes Griechenland", so Hillary Clinton bei ihrer Abschiedsrede als US-Außenministerin.

Politikexperten beschreiben die nach dem Zweiten Weltkrieg entstandene globale Ordnung oftmals als Architektur. Für Clinton ähnelt sie dem griechischen Parthenon mit seinen klaren Formen und Pfeilern. "Da wo einst wenige Säulen reichten, brauchen wir eine dynamische Mischung von Materialien und Strukturen."

Politik ist Architektur, und Architektur ist Politik, wenn sie Interessen und Machtverhältnisse in Stahl und Beton gießt. "Ich werde eine großartige Mauer bauen, und keiner baut Mauern besser als ich", so Donald Trump 2015 zu Beginn seines Wahlkampfs.

Gemeinsam lenken sie Mensch und Materie, Energie und Informationen und werden dabei geprägt und irgendwann zerrieben von einer sich beschleunigenden Welt. Kaum ein Ereignis der jüngeren Geschichte verdeutlicht das mehr als der Fall der Berliner Mauer vor 30 Jahren. "Gefahren warten auf die, die nicht auf das Leben reagieren", warnte Michail Gorbatschow damals die Führungsriege der DDR.

Unsere heutige globale Architektur aus Regeln und Institutionen ist unter dem Eindruck der großen Weltwirtschaftskrise und zweier Weltkriege entstanden und prägt uns seither. Dank ihrer ist die Welt gesünder und reicher als je zuvor. Seit 1944 ist die globale Lebenserwartung von 48 auf 72 Jahre gestiegen. Das Durchschnittseinkommen in China ist heute dreimal so hoch wie damals in den USA.

Das heißt aber auch, dass neue Mächte, Probleme und Technologien auf ihre Stützpfeiler wirken. China wurde von einem armen Agrarland zu einer Großmacht. Der Klimawandel droht ohne radikalen Kurswechsel zur globalen Krise zu werden, während wachsende Ungleichheit den sozialen Frieden gefährdet. Globale Datenströme befeuern das Wachstum mehr als der alte Handel, während globale Cyberattacken zum unkalkulierbaren Risiko werden. Wir brauchen also eine neue Architektur, aber welche?

Insbesondere die Zeit der Hyperglobalisierung nach dem Ende des Kalten Krieges wird häufig mit dem Abbau von Mauern und Grenzen assoziiert, doch bei näherem Hinschauen erlebten wir vielmehr ihre Verschiebung. Staatsgrenzen wurden offener; zugleich entstanden andernorts neue Mauern zum Schutz etwa von Markt und Eigentum. Die Wahl von Donald Trump, das Brexit-Votum und ein globales Wiedererstarken von Extremismus und Nationalismus verkörpern eine wachsende Wut über diesen Grundriss.

So rief vor Kurzem der neue US-Außenminister Mike Pompeo in Brüssel erneut nach einer anderen Ordnung. "Jede Nation ... muss sich zuerst ihrer Verantwortung gegenüber ihren Bürgern stellen und sich fragen, ob die globale Ordnung ihren Interessen dient." Auf viele seiner Zuhörer wirkte Pompeos harsche Kritik am Multilateralismus wie eine Rückkehr zu mittelalterlichen Festungen statt zu den fließenden Formen Gehrys.