Neulich stand ich am Gepäckband des Frankfurter Flughafens und blickte immer nervöser auf die Uhr. Zwei Stunden Puffer zwischen Landung und Bahnabfahrt sollten eigentlich reichen, denkt man ja, aber verglichen mit den sirupartigen Abläufen in den Eingeweiden von Deutschlands größtem Airport ist selbst die Deutsche Bahn fix. Mein Koffer jedenfalls kam nicht. Endlos lange kam er nicht. Dann wurde er ausgespuckt, rutschte eine kleine Rampe runter, bekam Schräglage, und ich dachte: Der knallt gleich genau aufs Rad. Die Bahn schaffst du nicht mehr.

Es gibt Koffer, die kosten mehr als ein mehrwöchiger Pauschalurlaub auf Malle. Ich hab so einen. Vor Jahren wurde das Modell mit einer Kampagne beworben, in der ein Elefant auf den Koffer stieg, ohne Schaden anzurichten. Leider kommt es in Wirklichkeit selten zu derartigen Materialprüfungen. Und dummerweise wird die Realität an den Flughäfen der Welt dominiert von mies bezahlten Mitarbeitern, Zeitdruck und großen Fallhöhen. Bevor ein Koffer in einem Flugzeug ankommt, wird er gestoßen, getreten und von Arbeiter zu Arbeiter geworfen, und wenn er später am Zielort ausgeladen wird, passiert das alles noch mal. An meinem Koffer war bereits kaputt, was an einem Koffer kaputtgehen kann: alle Räder, beide Griffe und das Schloss. Nach einem Lateinamerikaflug klaffte ein langer Riss in der unzerbrechlichen Hülle. Seitdem trägt mein Koffer eine Bandage aus grauem Klebeband.

Soll man sich einen teuren Koffer kaufen? Möglicherweise ist es sinnvoller, auf andere Dinge zu achten: Modelle mit vier Rädern sind verletzungsanfälliger, weil ihre Rollen weit aus dem Gehäuse ragen. Stoffkoffer sind robuster als Kunststoffmodelle. Ein kanarienvogelgelbes Teil mit "My owner is an #influencer"-Aufdruck verführt Gepäckmitarbeiter möglicherweise zu rabaukenhaftem Benehmen. Alle paar Jahre taucht auch das Gerücht auf, teure Alu-Modelle und Lederkoffer französischer Luxushersteller würden an Flughäfen gröber behandelt als Standardware. Ich weiß nicht, ob es stimmt, dass auffällige Koffer gefährdeter sind. Ein amerikanischer Musiker jedenfalls hat vor einigen Jahren beobachtet, wie Gepäckträger seinen Gitarrenkoffer feixend über das Rollfeld schleuderten. Der Mann wehrte sich auf seine Weise. Sein Song United Breaks Guitars wurde 18,6 Millionen Mal auf YouTube angesehen und war ein Imagedesaster für die Fluglinie.

Mein Koffer krachte natürlich mit dem Rad voran gegen die Kante des Fließbands, das Rad machte Plonk! und flog im hohen Bogen durch die Gepäckhalle. Die Frau am Infoschalter schickte mich weiter. Zu einem Kabuff, in dem – eingezwängt zwischen raumhohen Regalen voller Schachteln – ein Mann hockte. Für die drei oder vier renommiertesten Hersteller hatte er jedes Ersatzteil vorrätig; nach zwei Minuten war der Koffer kostenlos repariert. Meinen Zug hab ich anschließend auch noch bekommen. Der hatte 50 Minuten Verspätung.