Als Kisibe die Augen schließt, gleitet seine Seele über die Flüsse und Wälder bis in sein Heimatdorf. Er begibt sich auf die Suche nach einer Medizin. Der Schamane spürt, dass seine kleine Patientin sterben wird. Das zweijährige Mädchen liegt, von Schmerzmitteln betäubt, vor ihm im Bett eines Krankenhauses. Vor wenigen Tagen sind große Flächen seiner Haut verbrannt, als es bei einem Feldbrand in die Flammen lief.

Kisibe spricht eine Feuerbeschwörung. In einer Schale mischt er Salz mit Kräutern und stellt sie ans Krankenbett. Dann dämmert er in einen Tagtraum hinein. Und dieser Traum, so berichtet er später, sollte schließlich die Rettung sein.

"Das war im Juni, und ich hatte nicht viel Zeit", erzählt Kisibe. Der 73-Jährige thront auf einem Korbsessel in einem Behandlungszimmer des "Zentrums für indigene Medizin" in der brasilianischen Amazonashauptstadt Manaus und erzählt von seinem Kampf um das Leben des kleinen Mädchens. Kisibe fuchtelt mit den Armen, und wenn er lacht, blickt man in einen fast zahnlosen Mund.

Dr. med. Schamane

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Und Kisibe lacht viel bei dieser Geschichte, obwohl es darin um Leben und Tod geht. "Eine Stunde Behandlungszeit hatten mir die Ärzte zugestanden", erinnert er sich. Die Eltern des Mädchens, Angehörige eines indigenen Amazonasvolks, hatten auf dem Schamanenbesuch bestanden; die Krankenhausverwaltung wiederum insistierte, dass es nicht zu lange dauern dürfe. "Sie waren schon erleichtert, dass ich nicht mit einem riesigen Federschmuck und Rasseln kam und mich nicht schreiend auf den Boden geworfen habe", sagt Kisibe.

In seinem Tagtraum am Krankenbett, so berichtet er es, habe er am Uferrand seines Heimatflusses eine Schildkröte entdeckt, eine Trakajá. Er habe dem Tier das Herz herausgerissen und es als neues Leben in das Mädchen eingesetzt. Nicht nur im Traum geht die Geschichte gut aus. Die Kleine überlebt am Ende ihre schweren Brandverletzungen.

Ist das esoterischer Hokuspokus? Oder eine wirkungsvolle Heilmethode, die sich vom herkömmlichen medizinischen Denken einfach sehr drastisch unterscheidet? Ist es sinnvoll, dass Ärzte von Schamanen unterstützt werden? Diese Fragen werden in Brasilien gegenwärtig heftig debattiert, und sie haben Kisibe in die Stadt gebracht.

João Barreto Tukano will mehr Schamanen einsetzen. © Giorgio Palmera für DIE ZEIT

Der Heiler genießt bei den Amazonasvölkern am oberen Rio Negro einen guten Ruf. Er ist der Spross einer Schamanendynastie des Desana-Volkes, das an den verzweigten Flussläufen im Grenzgebiet zwischen Brasilien und Kolumbien lebt. Den Großteil des Jahres verbringt er in seinem Heimatdorf, aber seit 2017 kommt er zweimal im Jahr nach Manaus. Zehn Tagesreisen per Boot muss er dafür bewältigen.

Dort praktiziert Kisibe im "Zentrum für indigene Medizin", das von dem brasilianischen Anthropologen João Barreto Tukano (47) gegründet wurde. Das ungewöhnliche Gesundheitsprojekt versammelt Heilpraktiker aus dem Amazonasgebiet, die sich neben anderen Aufgaben auch um Patienten kümmern sollen. Heute Morgen war eine Frau da, die sich bei einem Bad an einem Wasserfall eine hartnäckige Entzündung am Bein zugezogen hatte. Kisibe blies ein wenig Rauch auf die entzündete Stelle. Er ist sich sicher, dass er das Problem "im Lauf der Zeit, über mehrere Besuche hinweg" lösen kann.

Heilungen für die Laufkundschaft sind nur eine Nebentätigkeit im Zentrum. Und Touristengruppen sind hier erst recht nicht willkommen. "Wir wollen keine Folklorisierung", sagt der Mediziner Barreto. "Wir haben stattdessen viele Studienbesuche von Schulmedizinern und Juristen." Barreto hat das Zentrum in der Altstadt von Manaus ursprünglich aus politischen Motiven gegründet. Es soll den Schamanismus in der gebildeten weißen Bevölkerung, bei Beamten, Politikern und Ärzten bekannter machen. Barreto will demonstrieren, dass die alten Verfahren wirken und dass die Denkweisen dahinter sogar bei einer Reform der Krankenversorgung helfen könnten.