Im Schulleiterbüro vibriert der Boden. Ausdauerndes Bohren rüttelt am Gebäude. Die Reparaturarbeiten im Untergeschoss. Laut und nervig, aber nichts Großes. Das Große, das kommt erst noch. Der stellvertretende Schulleiter Hans-Christian Dahlmann blickt aus dem Fenster rüber zur Baustelle. Gerade wurden zwei einstöckige Gebäuderiegel abgerissen. Ein gelbes Baufahrzeug kreuzt über die matschige leere Fläche. Das Gymnasium Bondenwald im Norden Hamburgs soll nicht nur saniert, sondern durch einen Erweiterungsbau zu einer anderen, einer besseren Schule werden. Noch ist davon nicht viel zu sehen. Trotzdem reicht es schon für ein kurzes Lächeln. "Wir haben sehr lange auf diesen Moment gewartet", sagt Dahlmann.

Mit "wir" meint er sich, ein paar Mitstreiter und allen voran die kürzlich pensionierte Schulleiterin Renate Just. Für den Neubau an ihrem Gymnasium hat sie gut zehn Jahre gekämpft. "Ursprünglich, weil wir einfach mehr Platz brauchten", sagt Just. "Doch dann dachte ich irgendwann: Wenn wir schon neu bauen, sollten wir dann nicht auch neu über die Schule als lebenswerten Raum nachdenken?"

Pädagogisch wertvolle Architektur, also eine, die dafür entwickelt wurde, dass Kinder in ihr besonders gut lernen können, ist rar in Deutschland. Dabei wird der Lernraum immer mehr zum Lebensraum, allein schon weil Schüler und Lehrer in Ganztagsschulen wesentlich mehr Zeit verbringen.

Auf den Plänen, die gegenüber von Dahlmanns Schreibtisch hängen, sieht das neue Gebäude für die Sekundarstufe I und II erst mal nicht besonders spektakulär aus, eher minimalistisch. Ein Flachdach, drei Geschosse, helle Steine, auf dem Platz vorm Eingang ein großer Baum. Auf der einen Seite zwei durchgängige Fensterfronten, auf der anderen etwas nach vorn versetzten Seite einige große separate Fenster. Erst die Grundrisse zeigen das Neue und fast schon Revolutionäre an diesem Schulbau, der teilweise ganz ohne Klassenräume auskommen soll.

"Wir wollen alte Strukturen aufbrechen", sagt Lars Heider von Heider Zeichardt Architekten, die das neue Gebäude entworfen haben. Durchsetzen konnte sich das Architekturbüro wegen seines Konzeptes für die sogenannten offenen Lernlandschaften. Statt Klassenräumen sind im Grundriss verschiedene Lernumgebungen angelegt, die dort "Lesegalerie" oder "Think Tank Box" heißen. In Stillarbeitszonen gibt es Sitzsäcke, Sofas und Stehtische. Die Flure sind keine Flure. Sie sind weitere Räume, breiter als sonst, haben Bänke mit Kissen, Bücherregale und Arbeitsbereiche. Überall möglichst viel Tageslicht, in jedem Areal unterschiedliche Möbel. Außerdem ist da ein "Marktplatz", auf dem sich die Schüler treffen und austauschen können, und ein Auditorium, das 125 Menschen fasst.

Was zunächst an einen Workspace erfolgreicher Silicon-Valley-Unternehmen erinnert, ist weit mehr als modisches Blendwerk. Der Entwurf ist der Versuch, Schule über ihre Bauart und räumliche Aufteilung neu zu denken. Und damit für Renate Just die logische Antwort auf einen pädagogischen Weg, den sie als Schulleiterin schon jahrelang beschritten hat – gegen viele Widerstände.

Um Raum für neue Lernformen zu schaffen, hat Just Stundenpläne und Fächerstrukturen verändert. Für die Siebtklässler wurden Zeitfenster eingeführt, "Lernateliers", in denen sie selbst entscheiden können, mit welchen Inhalten sie sich beschäftigen wollen, ob sie ein Thema wiederholen oder vertiefen möchten. In der achten Klasse forschen Schüler in den Naturwissenschaften nun eigenständig. Und in der Oberstufe unterrichten Schüler andere Schüler – das Projekt "Lernen durch Lehren" wurde mit dem Hamburger Bildungspreis ausgezeichnet.

Mit einem Nullachtfünfzehnklassenzimmer, das merkte die Schulleitung immer häufiger, kommt man bei all diesen Projekten nicht weit. "Alle Schüler schauen nach vorn und machen das Gleiche? Das ist Schule von gestern", sagt Dahlmann. Dieses Gestern ist allerdings vielfach noch Lernalltag.