Längst hat die Forschung gezeigt, wie groß der Einfluss ist, den Schulgebäude auf das Lernen haben. Räume und Möbel, Farbgestaltung, Lichteinfall, auch Gardinen und Frischluft wirken sich auf das Wohlbefinden von Lehrern und Schülern aus. Sie schaffen es, Schüler zum Lernen zu motivieren, und reduzieren sogar Gewalt und Vandalismus. Menschen machen sich den Raum, der sie umgibt, zu eigen. Sie werden aber auch von ihm beeinflusst. Trotzdem wird "der Raum als dritter Pädagoge", ein geflügeltes Wort des verstorbenen italienischen Erziehungswissenschaftlers Loris Malaguzzi, bis heute nicht ernst genug genommen.

Einem Großteil der Schulen ist das durchaus anzusehen. Wirtschaftliche Zwänge und kurze Bauzeiten haben nach dem Krieg die typischen Flurschulen hervorgebracht. Ein langer Gang – und links und rechts die Klassenzimmer. Hierarchie und Reihung als einzige raumbildende Gesetze, passend zum gängigen Frontalunterricht. Hier und da gab es innovative Ansätze wie Differenzierungsräume oder Schülerlabore, doch an der Klassenzimmertür wurde kaum gerüttelt.

Um Bewegung in altvertraute Strukturen zu bringen, braucht es jemanden, der vorangeht und der sich nicht davor fürchtet, sich unbeliebt zu machen. "Es sind ja selten alle sofort hellauf von anstehenden Veränderungen begeistert und rufen: Juhu, wir wollen es gerne mal ganz anders machen!", sagt Renate Just. Als Schulleiterin musste sie sich immer wieder fragen lassen, ob das nicht zu viel der Innovation sei. Von Kollegen, Lehrern, Eltern. Erst wegen ihrer pädagogischen Neuerungen, und erst recht, als die Pläne für den Neubau Gestalt annahmen.

Das neue Gebäude rückt vom gängigen Modell des vor der Klasse dozierenden Lehrers ab – was für viele Pädagogen per se schon ein Angriff auf ihr Berufsverständnis ist. Denn tatsächlich kann man Schulalltag in solchen Räumen komplett neu denken. Es wäre durchaus möglich, dass in Zukunft die Schüler am Morgen in die Bondenwald-Schule strömen und sich erst mal einen Spind auf dem Stockwerk suchen, auf dem sie sich an diesem Tag am liebsten aufhalten wollen. Der Unterricht einer 16-Jährigen, nennen wir sie Marie, könnte dann in einem der beiden Gruppenarbeitsräume im ersten Obergeschoss beginnen. 25 Menschen haben pro Raum Platz, die Stühle sind im Kreis angeordnet. Es gibt weder Pult noch Tafel. Ein Lehrer könnte hier morgens erklären, welche Lernziele für die erste Tageshälfte anstehen, dann Aufgaben verteilen, individuell an das Leistungsniveau der einzelnen Schüler angepasst.

Marie hätte die Möglichkeit, sich mit einer Gruppe Mitschüler an einen Sechsertisch an der Fensterfront im zweiten Stock zurückzuziehen und dort gemeinsam zu arbeiten. Der gleichaltrige Max würde vielleicht lieber im ersten Stock bleiben und auf einem der Sofas ein paar Texte lesen, bevor er an einem Einzelarbeitsplatz im Ruheraum einen Naturkundeaufsatz schreibt. Marie und Max würden sich dann erst nach der Mittagspause im Auditorium wiedertreffen, wo zwei Mitschüler ein Referat für den Ethik-Grundkurs ihres Jahrgangs halten. Tatsächlich würde das Gymnasium die Schüler so auch schon ein wenig auf die Vorlesungen und die Eigenverantwortung an der Universität vorbereiten.

So radikal das klingt, so sorgsam durchdacht ist die Struktur des neuen Gebäudes, in das nach den Sommerferien 2020 die ersten Schüler einziehen sollen. Im linken Flügel die jüngeren, jeweils vier bis fünf Klassen von der 7. bis zur 9. Stufe. Im rechten Flügel die von der 10. bis zur 12. Im linken Gebäudeteil gibt es von Jahrgangsstufe zu Jahrgangsstufe und damit von Stockwerk zu Stockwerk weniger Klassenzimmer, im rechten Gebäudeteil dann schon gar keine mehr. Die unterschiedlichen Lernumgebungen sollen so möglichst sanft ineinander übergehen, um die Schüler und Schülerinnen nach und nach an die neuen Methoden und die wachsende Selbstverantwortung heranzuführen. So werden Fächer wie Biologie, Chemie, Musik und Sport weiterhin in Klassen unterrichtet.