Meine vier Gymnasien

Wenn es um Gymnasien geht, bin ich ein Profi. In den Siebzigerjahren besuchte ich gleich drei Münchner Gymnasien, 2002 schulte ich meine Tochter auf einem Hamburger Gymnasium ein und nahm als Elternvertreterin ins Schulwesen Einblick. Um es gleich zu sagen – das Kind hat es besser getroffen als ich.

Weder meine Tochter noch ich hatten eine Gymnasialempfehlung: Ich erreichte am Ende der Grundschule den geforderten Mindestnotendurchschnitt von 2,5 nicht. Bei ihr lag es nicht an den Noten, sondern an ihrer Legasthenie. Beide gingen wir dann aber doch aufs Gymnasium, weil unsere Eltern es so wollten. Und beide sind wir heute sehr froh darüber, dass jemand an uns geglaubt, sich dem Lehrerwillen widersetzt und uns durchs Gymnasium geholfen hat. Meine Tochter studiert heute Stadtplanung im sechsten Semester.

Sabine Rückert mit 15 Jahren © privat

Ich selbst besuchte zunächst ein sehr konservatives humanistisches Gymnasium. Vierzig Kinder in der Klasse, ein wilhelminischer Altbau, ein strenges und freudloses Regiment. Man ließ uns viel auswendig lernen und jagte uns Angst ein. Ich hasste diese Schule, aber ich wollte das Abitur, weil es Freiheit und Entfaltung versprach. Die Lehrer waren ältlich, innerlich weit weg von uns, manche trugen eine sichtbare Kriegsverletzung oder hatten eine Alkoholfahne schon zur ersten Stunde. Meine Sportlehrerin zum Beispiel sah ich nie Sport treiben. Sie stolzierte im Kostüm und frisch toupiert in der Turnhalle oder dem Schwimmbad umher und blies schrill in eine Trillerpfeife.

Weil ich es nicht mehr aushielt und meine Noten dementsprechend waren, steckten mich meine besorgten Eltern in eine Privatschule, wo ich dramatische Kosten verursachte. Zwei Jahre später wurde ich daher auf das staatliche, viel liberalere Ludwigsgymnasium umgetopft, wo ich unter den diversen Grund- und Leistungskursen der Kollegstufe endlich eine Wahl hatte und meinen Neigungen und Fähigkeiten nachgehen durfte. Erst jetzt – auf der Zielgeraden zum Abitur – war ich zum ersten Mal eine gute Schülerin, die morgens gern aus ihrem Bett aufstand.

Anders bei meiner Tochter 35 Jahre später in Hamburg: Sie nahm von ihrem evangelischen Wicherngymnasium nach acht Schuljahren nur unter Tränen Abschied. Ich meine in der Rückschau und entgegen allen Hymnen auf das angeblich großartige bayerische Bildungssystem: Die schulischen Anforderungen an mein Kind waren deutlich höher, und ihre Bildung war weitaus umfassender als seinerzeit meine. Ganz zu schweigen von der Mühe, die die Hamburger Pädagogen sich um ihre Schüler machten. Frontalunterricht wechselte sich mit Gruppenarbeit, Vorträgen und Referaten ab. Man ging gemeinsam ins Museum oder verfolgte soziale Projekte (Chorsingen im Altenheim). Die Themen wurden fächerübergreifend bearbeitet: So ging es beispielsweise in Geschichte, Mathematik, Latein und Deutsch zeitgleich um die Epoche der Antike. Umwelt und Klima, Demokratie und Fragen der Weltgerechtigkeit waren Dauerthemen, die sich durch viele Fächer der Mittel- und Oberstufe zogen.

In der Klasse meiner Tochter lernten außerdem eine ganze Menge lernbegierige Einwandererkinder – eine Generation neuer Deutscher, die mit großem Ehrgeiz in die Akademikerschicht vorstoßen wollten. Die Freundschaften mit jenen Kindern aus dem Iran, aus Peru, Bosnien und Afghanistan erweiterten ihren Horizont beträchtlich. Sie hat mit vielen Kameraden bis heute Kontakt, ihre beste Schulfreundin, ein Kind bosnischer Einwanderer und die Klassenprima, studiert heute Verfahrenstechnik.

Klassenverband, Kreativität und der soziale Umgang miteinander waren Teil des Bildungsbegriffs dieser Hamburger Schule. Es war ein modernes Gymnasium, das zum Selberdenken anhielt. Die Kinder wurden in ihrem Selbstvertrauen ermutigt, zur Universität befähigt und als künftige Bürger ernst genommen.

Oh, wie hätte ich mich gefreut, wenn ich früher selbst auf eine solche Schule hätte gehen dürfen.