Bei der Bewältigung des sexuellen Missbrauchs setzt Papst Franziskus eher auf Spiritualität als auf wissenschaftliche Aufarbeitung. Den US-Bischöfen hatte er zu Jahresbeginn Einkehr und Gebet auferlegt, um die Untiefen der Missbrauchskrise in ihrer Kirche zu ergründen. Dem katholischen Klerus in den USA dürfte die Flucht in den Meditationsmodus nicht genügen, geht ihnen doch der Neuanfang nach dem moralischen Ground Zero nicht schnell und konsequent genug.

Als sehr hilfreich erwies sich da – gewissermaßen als vermittelnde Instanz – die "American Catholic Historical Association", die in einer dreitägigen Konferenz in Chicago die bisherigen Ergebnisse ihrer Ursachenforschung zusammentrug. Dieser Historikerverband kann im Dezember dieses Jahres sein 100-jähriges Jubiläum feiern. Er wurde 1919 in Cleveland, Ohio, gegründet, um Gelehrte zusammenzubringen, die an der Geschichte der römisch-katholischen Kirche oder an katholischen Aspekten der weltlichen Geschichte interessiert sind. Bei ihrer Tagung beraumte die Organisation noch kurzfristig ein zusätzliches Panel an, auf dem die gegenwärtige Krise diskutiert wurde.

So untersuchten die Historiker die Gegebenheiten der Kirche, die Macht- und Autoritätsstrukturen innerhalb eines geschlossenen Systems. Demnach hat die Kultur der Priesterseminare abseits der Gesellschaft dazu beigetragen, Vertuschung zu fördern und die Interessen der Geistlichen und der Institution für "grundlegender" anzusehen als die der Opfer, sagte die Wissenschaftlerin Catherine R. Osborne von der University of Notre Dame in South Bend, Indiana. Das ist eigentlich noch nichts Neues unter der Sonne der Prärie. Doch die Religionswissenschaftlerin Kathleen Holscher räumte mit der Einschätzung auf, dass sexueller Missbrauch in den USA überwiegend ein städtisches Ostküsten-Thema sei. Auch dass wie bisher angenommen meist Weiße die Opfer seien, dafür fehlten schlicht die historischen Belege.

Holscher forscht in New Mexico und ist die neue Präsidentin dieses amerikanischen katholischen Historikerverbandes. Sie wartete mit überraschenden Ergebnissen auf: Nicht Boston und Philadelphia liegen ihrer Ansicht nach in der Pro-Kopf-Hochrechnung zum Missbrauch vorn, sondern ländliche und westliche Regionen.

Dort sind überdurchschnittlich viele Indianerreservate und Missionsschulen ansässig. Holscher regte an, Missbrauch in der Kirche auch unter Rassen- und Kolonalismusaspekten zu betrachten.

William Cossen, Lehrer an der Gwinnett School in Lawrenceville in Georgia, betonte, dass es nicht die Theologie oder das Glaubenssystem sei, das zum sexuellen Missbrauch geführt habe. "Die Werkzeuge reichen aus", sagt er, Laien sollen für Transparenz sorgen. Die Historiker wissen zu genau: Wer keine Lehren aus der Vergangenheit zieht, wiederholt die Fehler der Gegenwart auch in Zukunft.

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