Larnaka, Zypern. Vor der Djami-Kebir-Moschee. Eine Sitzbank. Daneben Schuhe. Nicht viel los. Vor der Tür an einem Ständer Umhänge mit Kapuze für die Frauen, bei Bedarf zu benutzen. Die Männer ziehen sich nur die Schuhe aus. Auf einer Bank ein alter Mann, mit vollem weißen Haar und grauem Bart. Er verabschiedet sich auf Türkisch von einem Bekannten. Dann versucht er, sich seine Schuhe anzuziehen. Ich setzte mich dazu, um meine auszuziehen.

Ich: (Auf Englisch, wir sind schließlich in Zypern) Hello!

Er: Hallo! (stöhnt) Uff!

Ich: Sie sprechen Deutsch?

Er: Uff!

Er stöhnt, weil er sich nach vorn bücken muss, was ihm schwerfällt. Ich stöhne ebenfalls, weil ich mich auch nach vorn bücken muss, was auch mir schwerfällt.

Ich: Anstrengend! Echt!

Er: Eintracht.

Ich: Wie bitte?

Er: Eintracht gegen Limassol. Heute Abend. Im GSP-Stadion.

Ich: Ach so.

Er: (In fließendem Deutsch) Das dürfte kein Problem für die Eintracht sein.

Ich: (höflich) Leider nicht.

Ich ziehe meine Schuhe aus, während er es nicht schafft, seine anzuziehen.

Ich: Limassol ist aber auch gut.

Er: Mal gut, mal nicht so gut. Limassol eben.

Ich: Apollon Limassol.

Er: Sie kennen sich aus.

Ich: Vielen Dank.

Der Mann ist barfuß und versucht, schwarze Lederschuhe anzuziehen. Plötzlich hält er inne.

Er: Meine Socken?

Wir schauen uns nach den Socken um. War er etwa barfuß in der Moschee? Darf man das überhaupt? Oder hat er sich nach dem Gebet noch mal die Füße gewaschen? Ich frage lieber nicht, zumal seine Socken neben meinen Schuhen liegen. Ich zeige drauf.

Ich: Hier sind sie.

Die Socken liegen so dicht neben meinen Schuhen, als wären es meine eigenen.

Er: Wenn Sie so freundlich wären ...

Ich: Sie sprechen aber wirklich gut Deutsch.

Er: Ich kann auch Mannemerisch.

Ich: Wie das?

Er: Vierzig Jahre Mannheim. Wer dann noch kein Mannemerisch kann, der lernt es nie.

Ich: Wie wahr.

Er: Sieht wieder zu seinen Socken, die neben meinen Schuhen liegen. Wenn Sie so freundlich wären, mir meine Socken ...

Am liebsten würde ich ihn wieder für sein gutes Deutsch loben, verkneife es mir aber.

Ich: Da können sich viele Mannheimer eine Scheibe von abschneiden.

Er: Wie bitte?

Ich: Nur so eine Redewendung.

Er: Was?

Meine Bemerkung war nicht sehr sinnvoll. Warum sollte jemand einen Dialekt lernen sollen? Sie jetzt noch umständlich zu erklären, würde peinlich. Zumal der Mann nicht nur die Redewendung nicht zu kennen scheint, sondern auch das Wort Redewendung als solches nicht. Vielleicht ist sein Deutsch doch nicht so gut.

Ich: Dann sind sie jetzt in Rente? Oder sogar in Pension?

Er: Bei meinem Sohn.

War das jetzt ein Missverständnis? Ich frage nicht weiter nach. Er schaut wieder zu seinen Socken. Ich spüre eine gewisse Hemmung, ihm seine Socken zu reichen. Nicht aus hygienischen Gründen oder weil mir der Mann unangenehm wäre. Im Gegenteil. Eher aus Respekt. Ich warte ab. Meistens lösen sich solche Probleme von selbst.