Grandios verwahrlost – Seite 1

Weshalb ist es so faszinierend, drei Frauen dabei zuzusehen, wie sie sich zu Beginn des 18. Jahrhunderts am englischen Hofe einen Kampf um Macht, Gunst und Zuneigung liefern?

Vielleicht weil Macht, Gunst und Zuneigung in Yorgos Lanthimos’ Film The Favourite einander bedingen und miteinander im Widerstreit stehen. Weil hier selbst unter dem kältesten Ränkespiel Gefühle lauern und lodern. Immer dann, wenn die Heldinnen dieses Films eine besonders durchtriebene Intrige ersinnen, werden sie feststellen, dass sie nicht so skrupellos sind, wie sie glaubten – was sie aber keinesfalls daran hindern wird, sie auszuführen.

Im Zentrum der opulent ausgestatteten Schlacht steht die englische Königin Anne (1665–1714). Olivia Colman spielt sie mit wunderbar verwahrloster Grandezza. Diese Regentin ist ein verwöhntes Riesenbaby, ungeduldig, aufbrausend, despotisch. Aber auch depressiv und erfüllt von einer unbestimmten Sehnsucht. Gerade führt Anne einen Krieg gegen Frankreich, was ihr jedoch weniger Interesse abnötigt als das Kartenspiel oder das Streicheln ihres Kleintierzoos. Annes Vertraute ist Lady Sarah Churchill (Rachel Weisz spielt sie sexy, verwegen, gefährlich), die beiden verbindet eine sadomasochistisch schillernde Liaison.

Der Krieg der Favoritinnen beginnt mit der Ankunft von Abigail, Sarahs verarmter Cousine (Emma Stone), die am Hofe eine Stelle als Dienstmädchen antritt. Man könnte aber auch glauben, dass zunächst einmal gar nichts beginnt und weiter alles seinen Lauf nimmt. Die Königin leidet unter Gichtanfällen und Langeweile. Sie erweist sich als politische Marionette ihrer Geliebten, die für den Krieg gegen Frankreich eintritt. Mit den Figuren erkundet die Kamera die dielenknarrenden Gänge, die Säle, Gemächer, Tapisserien und Stuckdecken des riesigen Schlosses – in dem man sich am Ende des Films immer noch nicht zurechtfinden wird.

Als Tochter vom Vater beim Glücksspiel verloren

Hin und wieder lässt Yorgos Lanthimos die Kamera aus der Untersicht langsam auf seine Protagonistinnen zufahren, so als wolle sie erkunden, was hinter deren Stirnen vorgeht. Ist Abigail zu Beginn so unschuldig und menschenfreundlich, wie sie wirkt? Ab wann führt sie etwas im Schilde? Wird sie erst bei Hofe zu der Intrigantin, als die sie sich erweist? Emma Stone verkörpert sie mit unverhohlener Freude am doppelten Spiel, an der emotionalen Maskerade. Auch Lady Sarah Churchill entgeht nicht, dass sich die Neuangekommene mit kleinen Aufmerksamkeiten die Gunst der Königin zu erarbeiten weiß.

Die Fäden werden der Königin entgleiten

Tatsächlich prallen hier zwei sehr unterschiedliche Formen sozialer Konkurrenz aufeinander. Lady Sarah gehört dem Hochadel an, ihr Ehemann ist der Duke of Marlborough, Heerführer der Königin. Abigail wurde von ihrem Vater beim Glücksspiel verloren und lebt in der Furcht vor der Gosse. Die eine arbeitet an der Verhinderung ihres Abstieges, die andere an ihrem Aufstieg. Zwischen und über den beiden steht die Königin, sichtlich erfreut darüber, dass am Hof endlich mal was los ist. Aber auch ihr werden die Fäden entgleiten.

Immer wieder hat der Grieche Yorgos Lanthimos (geboren 1972) in seinen metaphorischen Filmen Machtsysteme erkundet: Die Familie als abgeschottete, von den Eltern verfälschte Welt (Dogtooth), die Paarbeziehung als rein totalitäre Setzung überzeichnet (The Lobster), die westliche Moderne als Fabrik für emotionslose Ego-Monster (The Killing of a Sacred Deer). In The Favourite verraten schon durch Fischaugenlinsen leicht verzerrte Aufnahmen, dass hinter den Mauern des jakobinischen Schlosses einiges aus dem Lot geraten ist. Oder nie im Lot war. Wie könnte es auch anders sein in einer Welt, in der die Bevölkerung buchstäblich durch Scheiße watet und mit immer neuen Steuerlasten einen fernen Krieg finanzieren soll. Im Übrigen weiß hier nicht einmal die Königin, wo Lille, Schauplatz der nächsten Schlacht, liegt.

Lose eingebettete Szenen bei Hofe malen weiter am großen Dekadenzbild: Ein nackter Mann mit Perücke wird von ausgelassenen Adligen mit Apfelsinen beworfen. Dieselben Adligen feuern Enten an, die mit zusammengebundenen Flügeln eine kleine Rennstrecke entlangwatscheln – Zeitlupen verstärken die Absurdität der Amusements. Die Königin stopft Kuchen mit grüner Zuckerglasur in sich hinein und übergibt sich. Irgendwann scheint nur noch die Musik – Purcell, Händel, Vivaldi, Bach – imstande, dem Verfall etwas entgegenzusetzen.

Der Mensch ist zu klein für große Macht

Und doch geht Lanthimos’ Film weit hinaus über das – wenn auch sehr unterhaltsame – Erstellen eines Sittenporträts. Spannungsvoll ist sein Film, weil er mit seinen Heldinnen fühlt, ihre Motive und Sehnsüchte begreift. Schließlich kämpft jede auf ihre Weise ums Überleben. Abigail, die Einsame, sucht im Aufstieg Halt und Rückhalt. Für Lady Sarah ist die Affäre mit der Königin ein in aller Offenheit gespieltes politisches Instrument, ein passioniert-patriotisches Werk, das durch die Neue gefährdet wird.

Und die Königin selbst? Bleibt ein verstörendes Rätsel. Sie ist die Leerstelle im Zentrum der Repräsentation. Der wandelnde Beweis dafür, dass der Mensch zu klein ist für große Macht. Auch Queen Annes Monstrosität ist letztlich nur human. Und ganz bestimmt ist es angenehmer, zwei schöne Frauen zu beherrschen als ein Imperium, das man nicht versteht.