Der Vater von Édouard Louis ist schon seit gut vier Jahren ein weltbekannter Mann. Er spielt die Hauptrolle in der in über 30 Sprachen übersetzten Autobiografie seines Sohnes Das Ende von Eddy. Man weiß, dass er 1967 geboren wurde, die Schule zu früh abgebrochen und danach in einer Fabrik gearbeitet hat. Man weiß, dass er trinkt, dass er einem brutalen Männlichkeitsbild anhängt, dass er tyrannisch und homophob ist, dass es in seinem Haushalt zu gewalttätigen Szenen kam und dass seine Familie so arm war, dass sie sich in ihrem Haus nicht einmal Türen leisten konnte, was den schonungslos mit seinen Unterschichtseltern abrechnenden jungen Autor in die Lage versetzte, in seinem Weltbestseller das bescheidene Liebesleben der beiden zu protokollieren ("Meine Mutter keuchte – ja, so ist es gut, nicht aufhören").

Im Alter von 37 Jahren brach sich der Vater bei einem Arbeitsunfall in der Fabrik die Wirbelsäule. Danach war sein Leben zerstört. Für seinen homosexuellen Sohn, der die höhere Schule und die Universität besuchte, hatte er kein Verständnis. Umgekehrt galt dasselbe. Das autobiografische Erfolgsbuch des damals 22-Jährigen war eine erbarmungslose Abrechnung eines Bildungsaufsteigers mit der Sprachlosigkeit, der Armut, dem Alkohol und der Gewalt in seinem Elternhaus. Édouard Louis, der eigentlich Eddy Bellegueule heißt, widmete es seinem Freund und Lehrer, dem Soziologen Didier Eribon, der in seinem autobiografischen Essay Rückkehr nach Reims nicht weniger erbarmungslos über seinen Arbeitervater Gericht gehalten hat.

Beide Bücher wurden gefeiert und auf deutschen Bühnen adaptiert, weil man in ihnen Erklärungen für das Rätsel zu finden hoffte, warum die Unterschicht der westlichen Welt lieber in die offenen Arme der Populisten als in die der Sozialdemokraten sinkt. Den Hochmut, mit dem die beiden Soziologen (Louis studierte bei Eribon an der École normale supérieure) ihre hilf- und sprachlosen Eltern am Nasenring der internationalen Literaturöffentlichkeit vorführten, sah man ihnen nach, zu erfreut war man über die Nachrichten von einem fremden Stern und seinen kulturlosen Eingeborenen, die es so selten auf die Hauptbühne der Literatur schaffen.

Das neue, sehr schmale Buch von Édouard Louis handelt noch einmal von seinem Vater und beginnt mit einer Bühnenanweisung für die zu erwartenden Dramatisierungen seines aktuellen Stoffs auf deutschen Theatern: Vater und Sohn sollten sich vielleicht im Schnee oder auf einem Weizenfeld oder in einer Turnhalle gegenüberstehen, der Vater solle dem Sohn im Schnee oder in der Turnhalle stumm lauschen, denn dem Vater – so heißt es in Wer hat meinen Vater umgebracht – "bleibt verwehrt, seine Lebensgeschichte zu erzählen". So beginnt die Klage über den Vater, der den begabten Sohn nicht versteht, der zu viel fernsieht, zu wenig redet und zu viel trinkt, noch einmal von vorne. Diesmal in der Form eines Briefes an den Vater und in der Nachahmung der kunstvoll ausgedünnten Erzähltechnik von Annie Ernaux, die schon im Jahr 1983 in Der Platz (erscheint im März bei Suhrkamp auf Deutsch) von ihrem Arbeitervater in eindringlich zurückhaltenden Momentaufnahmen erzählt hat.

Rückenwind bekam das Buch durch einen begleitenden Zeitungstext in Les Inrockuptibles (auf Deutsch auf ZEIT ONLINE am 5. 12. 2018), in dem der junge Autor seinen durch den Arbeitsunfall und seine anschließende harte Arbeit als Straßenkehrer gesundheitlich schwer beeinträchtigten Vater zur Portalsfigur der Gelbwestenbewegung erklärt hatte: "Als ich die Bilder der Gelbwesten sah, empfand ich einen Schock, der schwer zu beschreiben ist. Auf den Fotos zu den vielen Artikeln sah man Körper, die im medialen und öffentlichen Raum fast immer unsichtbar bleiben. Leidende Körper. Körper, die von Müdigkeit und Arbeit, vom Hunger, von der andauernden Demütigung durch die Herrschenden verwüstet sind. (...) Die Körper der Menschen, die man auf den Bildern sieht, ähneln demjenigen meines Vaters, meines Bruders, meiner Tante." Sein Buch erhob er damit in den Rang einer literarischen Legitimationsschrift für die aktuellen französischen Aufstände, an denen der Autor lebhaft teilnimmt und die die französische Linke in allerhand Aufrufen und Appellen für sich zu vereinnahmen versucht.

Neu ist an dem Buch indes wenig. Noch einmal ist von der väterlichen Sturheit (der schlimme Vater sieht nicht einmal richtig hin, als sein Sohn bei einem Familienfest eine kleine rührende Konzertvorführung organisiert) und Verstocktheit (er weigert sich, seinem Sohn eine Videokassette mit dem Film Titanic zu schenken) die Rede. Deutlicher fällt nun das politische Urteil aus, das der 26-Jährige über seinen 51-jährigen Vater verhängt, der im neuen Buch seines Soziologen-Sohnes zum exemplarischen Opferlamm der französischen Sparpolitik stilisiert wird. Jacques Chirac habe den Darm seines Vaters kaputt gemacht, Nicolas Sarkozy habe ihm das Rückgrat gebrochen, Hollande ihm die Luft genommen, Macron habe seinem Vater "das Essen direkt vom Teller" gestohlen. Die Geschichte des zerstörten Körpers seines Vaters sei die "Geschichte dieser Namen".

Édouard Louis und Didier Eribon, die in einem gemeinsamen Interview unlängst behauptet haben, die Zahl der Demonstranten, denen "von einem Gummigeschoss ein Auge ausgeschossen oder von einer Schockgranate die Hand abgerissen wurde", könne man "gar nicht mehr überblicken", haben sich im Gelbwestenkampf für das Pamphlet und die Drastik entschieden. Die Literatur wird ihre neuerliche Verwandlung in Vulgärsoziologie irgendwie überstehen. Dem neuen Vaterbuch des jungen Literaturstars, das zum Schlüsseltext der Gelbwestenbewegung taugen soll, ist sie nicht bekommen.

Édouard Louis: Wer hat meinen Vater umgebracht. A. d. Frz. v. Hinrich Schmidt-Henkel; S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2019; 80 S., 16,– €, als E-Book 14,99 €