Als Österreicher, fernab von allem Deutschen lebend, ergreife ich jede Chance, um zu verstehen, was man sich beim großen Bruder im Westen so denkt. Dabei habe ich den Philosophen Georg W. Bertram kennengelernt, und zwar durch sein nützliches Buch Kunst. Eine philosophische Einführung. Ein Aspekt seines Programms lautet: "Wenn Kunst Selbstverständigung ist, dann gehört zu ihr implizit immer das Nachdenken darüber, ob und wie sie als Selbstverständigung funktioniert. Kunst hängt untrennbar damit zusammen, dass sie als Kunst befragt oder – drastischer gesagt – problematisiert wird."

Selbstverständigung, Selbstproblematisierung – das verspricht auch der Titel seines neuen Buchs Was ist der Mensch? Aus dem Philosophieunterricht kenne ich die Formel vom "Dasein": Es sei "Sein, dem es in seinem Sein um sein Sein selber geht". Fragt man mich, warum "wir nach uns fragen", würde ich sofort sagen, das ist, weil es uns nicht reicht, bloß da zu sein, wir können von unserer tieferen Bedeutung nicht genug kriegen.

Man muss uns verstehen: Das Leben mag erfreulich sein, für die einen mehr, für andere gar nicht. Aber es verläuft selten glatt: Da ist ein Widerstand, dort ein Sieg, um die Ecke lauert schon die nächste Niederlage. Wer wollte da nicht fragen, was das alles soll?

"Stellen wir uns Christiane vor." Mit Christiane beginnt Bertram seine Überlegungen. Sie war gerade im Kino, den Film fand sie scheußlich, ihre Freundinnen sahen das anders, der Film habe gezeigt, wie Beziehungen wirklich funktionieren. Die Freundinnen beginnen darüber zu streiten, was eine "gute Beziehung" sei. So ein Streit gehört zu den Praktiken, "mittels deren wir uns fragen, wer wir sind". Nicht zuletzt könnte man in der Philosophie auch so eine Praktik sehen. Sie ist nach Bertram "keine Fachwissenschaft, sondern eine Reflexionspraxis, die einen Beitrag dazu leistet, dass Menschen zu denen werden, die sie sind".

Nicht alle, die sich Philosophen nennen, werden mit Bertrams Definition einverstanden sein. Am Ende seiner Überlegungen taucht erfreulicherweise Christiane wieder auf. Der belehrte Leser kann ihr nun auf den Lebensweg mitgeben, wie wichtig es ist, dass sie sich als "bedeutungsvoll" begreift, "weil es ihr erlaubt, immer wieder zu prüfen und weiterzuentwickeln, wer sie ist". So ein Konzept wird das Bedeutungsvolle erträglich machen: Immer wieder weiterentwickeln heißt ja, dass man die eigene Wichtigkeit – anders, als die vielen Autoritäten um uns herum glauben – nicht starr und unverrückbar in der Hand hat.

Georg W. Bertram: Was ist der Mensch? Warum wir nach uns fragen. Reclam Verlag, Ditzingen 2018; 79 S., 6,– €