In der Fußballbundesliga wurde mit Beginn dieser Saison die Abseitsregel geändert, erst jetzt ist das aufgefallen. Abgeschafft ist der Grundsatz, wonach im Zweifel für den angeklagten Angreifer zu entscheiden war – nämlich dann, wenn sich der Stürmer beim Zuspiel des Balles für das bloße Auge des Schiedsrichters auf ziemlich genau gleicher Höhe mit dem vorletzten Spieler des Gegners befand. Bei "gleicher Höhe", so hieß das umgangssprachlich verkürzt, erfolgte kein Abseitspfiff. Nun sind dem System des Videoschiedsrichters, der den Schiedsrichter auf dem Platz unterstützt, auch die heiß ersehnten kalibrierten Linien zugefügt worden, welche wiederum den Videoassistenten bei der Wahrheitsfindung unterstützen. Gewonnen werden die neuen Demarkationslinien aus modernster Hochgeschwindigkeits-Kameratechnik von jenem Zulieferbetrieb, der seit geraumer Zeit schon die deutschen Torlinien daraufhin kontrolliert, ob ein Ball sie überquert. Die Firma heißt Hawk Eye, "Adlerauge", und was ihre bis zu 25 Bilder pro Sekunde so alles an Positionsdaten liefern, lässt keinen Spielraum für Interpretationen. Die an Zielfotos vom Hundertmeterlauf erinnernden Standbilder aus dem Kölner Überwachungszentrum zeigen klar: Irgendein Zehennagel eines Spielers ist im Moment der Ballabgabe immer näher zur Torlinie als der Gegner, immer liegt ein Akteur im Vergleich zum anderen vorn. "Gleiche Höhe" kommt nicht mehr vor. Ebenso wenig wie der Zweifel. Jetzt befanden sich nach Überprüfung des Videoassistenten je ein Nürnberger und Wolfsburger Spieler hauchdünn im Abseits. Zwei Tore wurden deshalb annulliert.

Kalibrieren beschreibt den Vorgang, mit dem ein Messgerät in Übereinstimmung mit seiner Referenzgröße gebracht wird – eine selbstanzeigende Waage zum Beispiel mit aufgelegten Gewichtsstücken. Die Kalibrierung ist in der Welt der Messtechnik nie abgeschlossen und liefert immer nur die Momentaufnahme einer bestehenden Abweichung. Im Fußball gilt die virtuelle Ziellinie als endgültig. Sie ist das unbestechliche Gesetz. Außer Kraft gesetzt ist mit ihrer Einführung die Maxime, dass der Videoassistent den Schiedsrichter nur bei krassen Fehlentscheidungen korrigieren soll, in Situationen also, die dem Referee verborgen blieben und die er gar nicht bewertet hat. Die Maxime ist wichtig, um seine Autorität zu erhalten. In Abseitsfragen hat die Technik die Macht übernommen. Der Schiedsrichter wird zum unbeteiligten Beobachter, denn die Bilder übermitteln die Illusion einer perfekten Genauigkeit. Beim Abseits gibt es angeblich nur schwarz oder weiß, nicht krass daneben oder nur haarscharf, selbst wenn es nur um eine Zehennageldifferenz geht.

Allerdings müssen die Standbilder exakt den Moment des Zuspiels wiedergeben. Und wann dieser für die Abseitsfrage maßgebliche Augenblick der Ballabgabe gekommen ist, muss das menschliche Auge ermitteln, also der Mensch vor dem Bildschirm. Eigentlich.

Der zuständige DFB-Projektleiter Jochen Drees, ein Doktor der Medizin, stellte klar, wie der Zeitpunkt heute bestimmt wird: Entscheidend sei nicht der Moment, in dem der Ball den Fuß des Passgebers verlasse, sondern der, "in dem der Impuls zum Abspiel kommt". Der Moment also, in dem der Ball auf dem Weg sei, den Fuß zu verlassen. Im Grunde, auch das ist neu, geht es jetzt um den Zeitpunkt eines Verlassenwerdens, den Kurz-vor-der-Abgabe-Moment. Moment mal. Der Impuls zum Abspiel? Ist hier womöglich die Signalübertragung der Nervenzellen gemeint, über die das Gehirn den Muskeln befiehlt, gegen den Ball zu treten? Ist das schon die neueste Messtechnik? Dann wären die Spieler bereits mit kalibrierten Hirnscannern ausgestattet, die es den Videorichtern künftig auch erlauben, zwischen unabsichtlichem, also straffreiem, sowie eindeutig absichtlichem Handspiel zu unterscheiden. Das wäre wirklich krass.