1. Kapituliert der Westen in Afghanistan?

Ein Friedensabkommen für Afghanistan scheint greifbar. Die USA und die Taliban wollen sich zumindest auf die Grundzüge geeinigt haben: Die amerikanischen Truppen ziehen ab; die Taliban stellen im Gegenzug sicher, dass von afghanischem Boden kein Terror gegen die USA und ihre Partner mehr ausgeht. Darüber, wie ein Vertrag im Detail aussehen könnte, wollen beide Seiten ab Ende Februar verhandeln. Die US-Regierung bezeichnet die Aussicht auf einen "Deal" als "Durchbruch", doch wirkt es eher wie eine Kapitulation. Nach mehr als 17 Jahren blutiger Kämpfe scheint es, als räumten die USA das Feld für jene Islamisten, gegen die sie einst in den Krieg zogen.

Vom starken politisch-moralischen Impuls, die Taliban als "Mörder" (George W. Bush) ein für alle Mal auszuschalten, ist heute nicht mehr viel zu spüren. Jene Berater und Generale, die Donald Trump noch vor einem überstürzten Abzug aus Afghanistan warnen, verweisen vielmehr auf das Sicherheitsrisiko für Amerika. Sie bezweifeln, dass die Taliban Anschläge von afghanischem Territorium aus mittelfristig verhindern können – und wollen.

In einem Bericht, den die Trump-Regierung selbst in Auftrag gegeben hatte, warnten Experten davor, ein sofortiger Truppenabzug könnte in weniger als zwei Jahren ein Attentat in den USA zur Folge haben. Terrorgruppen wie Al-Kaida und der lokale Ableger des sogenannten "Islamischen Staats" könnten erstarken. US-Militärexperten drängen deshalb darauf, zumindest ein Kontingent von Anti-Terror-Einheiten im Land zu belassen.

Den Taliban dürfte ein Abkommen zu neuer Macht im Land verhelfen, womöglich sogar zur Beteiligung an einer Art Regierung der nationalen Einheit. Die Verhandlungen darüber in ihren eigenen Rängen dürften schwierig werden, denn ob man mit der in Kabul amtierenden Regierung überhaupt sprechen sollte, ist unter den Taliban umstritten. Doch ganz gleich, wie der "Deal" am Ende aussieht, für die Taliban lockt die Aussicht, nicht mehr international geächtete Parias zu sein.

Im Detail stellen sich schwierige Fragen. Was zum Beispiel soll mit den vielen Tausend Taliban-Kämpfern geschehen? Doch vor allem: Was denkt zu alledem eigentlich die afghanische Regierung? Die saß nämlich bei den Verhandlungen im Emirat Katar gar nicht mit am Tisch. Nun bestehen die USA darauf, dass die Taliban und die Regierung direkt miteinander darüber verhandeln, wie die Machtteilung künftig aussehen soll. Afghanistans Präsident Aschraf Ghani hat erklärt, die Gespräche der USA mit den Taliban seien zwar "Teil unseres Friedens", warnte aber vor einem Abkommen über die Köpfe der Afghanen hinweg. Nachdem 1989 die sowjetischen Truppen Afghanistan nach zehn Jahren frustriert verlassen hatten, begann ein blutiger Bürgerkrieg, der die Taliban erst an die Macht brachte. 

Lea Frehse

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2. Was ist aus den großen Hoffnungen geworden?

Die Terrorattacken auf New York und Washington am 11. September 2001, die von Al-Kaida in Afghanistan geplant worden waren, galten vielen Regierungen rund um den Globus als Angriff auf die freie Welt – und der Afghanistan-Einsatz war als groß angelegte Antwort darauf gedacht. Die International Security Assistance Force (Isaf), an der sich 51 Nationen beteiligten, sollte das Land stabilisieren, demokratisieren und ihm zu neuer Staatlichkeit verhelfen.

Bei der Verfolgung dieser Ziele traten früh Differenzen zwischen den Verbündeten auf. Neben der Isaf-Mission führten die USA im Süden Afghanistans von Oktober 2001 an einen "Krieg gegen den Terror", die Operation Enduring Freedom. Die Bundeswehr hingegen erhielt die Kontrolle über den vergleichsweise ruhigen nördlichen Landesteil. Dort traten die Soldaten eher wie Friedensfachkräfte auf. Schulen zu bauen und Polizisten auszubilden – all das sollte ihre Philosophie eines "Comprehensive Approach", eines "umfassenden Ansatzes", auszeichnen.

Doch selbst wer glaubt, nur Gutes zu tun, macht sich in Afghanistan Feinde. Eine fast ununterbrochene Folge kolonialer, kommunistischer und islamistischer Eroberungszüge hat viele Afghanen nicht nur gelehrt, mit dem Krieg, sondern auch vom Krieg zu leben. Warlord zu sein, Drogenhändler oder beides ist für viele ein Beruf. Eine Straße zu bauen, die kommerzielle Alternativen zu Opium-Handelspfaden durch die Berge eröffnet, kann deshalb einer Kriegserklärung gleichkommen.

So ist die Isaf-Mission zunehmend zum Ziel von Terrorangriffen geworden. Gleichzeitig ist ihre Wehrhaftigkeit begrenzt: Sie soll die afghanischen Sicherheitsorgane nur unterstützen, nicht ersetzen. Doch der heimischen Polizei fehlt es an ausgebildetem Personal, und die Soldaten der schwachen nationalen Armee werden vor allem im Süden des Landes gebraucht. Das Resultat: Isaf-freundliche Stammesoberhäupter oder Gouverneure werden eingeschüchtert. Nicht nur Amerikas Anti-Terror-Krieg, sondern auch der "umfassende Ansatz", der Afghanistan nachhaltig transformieren sollte, muss heute als gescheitert gelten.

Jochen Bittner

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3. Was würde ein Truppenabzug für die Afghanen bedeuten?

Wer in Afghanistan das Thema "Abzug der US-Truppen" anspricht, stößt vielerorts auf Ungläubigkeit. "Sie werden das nicht tun", sagt der Vorsitzende des Provinzrates von Nangarhar. "Der Terrorismus in Afghanistan würde schnell wieder zu einer Bedrohung für die ganze Welt." In der Nachbarprovinz Kunar sagt der Gouverneur mit leiser Stimme: "Wir werden uns auch allein gegen unsere Feinde verteidigen können." Doch seine Augen sprechen eine andere Sprache.

Ein Abkommen mit den Taliban, wie es die Amerikaner offenbar anstreben, würde voraussetzen, dass sie ihren Machtanspruch mäßigen und mit der heutigen Regierung in Kabul koexistieren könnten. Ist das realistisch? Einige Taliban, heißt es, seien milder geworden, duldeten das Abspielen von Musik und eine gewisse Ausbildung für Mädchen. Doch etliche Talibangruppen haben sich in den letzten Jahren dem "Islamischen Staat" angeschlossen. Vermutlich werden sie von Teilen der pakistanischen Sicherheitskräfte ausgerüstet. In mehreren Provinzen liefern sie sich mit den Taliban Kämpfe, die meist der IS gewinnt. Sind die Taliban der Garant für ein stabiles Afghanistan? Kaum.

Wahrscheinlicher ist es, dass ein Machtzuwachs der Taliban einen allmählichen Kollaps der Regierung zur Folge hätte. Rückzug auf die wichtigsten Städte Kabul, Herat, Masar-i-Scharif, Kandahar, Dschalalabad. Mit der Aussicht auf den völligen Zusammenbruch würden sich Beamte noch stärker am Staat bereichern als ohnehin. Die "Pax Talibana", wie UN-Mitarbeiter inoffiziell die relative Ruhe innerhalb der Taliban-Herrschaftszone bezeichnen, würde rasch an Anziehungskraft gewinnen. Der Rückzug der USA hinterließse ein hochprekäres Machtvakuum, das Regionalmächte wie den Iran, Pakistan und Russland zu füllen versuchen würden. Sie alle würden um ein neues Gleichgewicht ringen, Milizen bewaffnen, Warlords finanzieren, unterschiedliche Gruppen der Taliban unterstützen. Ein neuer Krieg würde drohen. Womöglich eine neue Fluchtbewegung, die rasch Europa erreichen könnte.

Wolfgang Bauer

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4. Schadet ein amerikanischer Rückzug Donald Trump?

Den amerikanischen Präsidenten Donald Trump interessiert am möglichen Friedensabkommen vor allem die Frage: Wie wirkt sich das auf meine Umfragewerte aus? Er hatte im Wahlkampf versprochen, teure Kriege zu beenden und US-Soldaten nach Hause zu holen. Wobei ihm übrigens nicht nur seine Anhänger zustimmen, sondern auch viele linke Demokraten.

Afghanistan machte ihm dabei lange Zeit Probleme. Berater, wie sein erster Verteidigungsminister James Mattis, drängten ihn, die Truppenstärke sogar zu erhöhen. Mattis ist seit Dezember nicht mehr im Amt. Im selben Monat soll Trump seinem Unterhändler Zalmay Khalilzad knappe sechs Monate gegeben haben, um ein Friedensabkommen zu liefern, das einen Truppenabzug rechtfertigt.

Manche Kommentatoren vergleichen Afghanistan mit Vietnam und stellen einen Friedensvertrag als Niederlage für Trump dar. Diese Deutungsversuche dürften jedoch ins Leere laufen. Die Vereinigten Staaten haben sich verändert. Heute sind viele der Weltmachtrolle müde.

Sollte es nach einem Abzug der US-Truppen zu neuen schweren Kämpfen oder Menschenrechtsverletzungen kommen, so wären Trumps Wähler vermutlich nicht allzu stark beunruhigt: Der Präsident hatte ein Ende des US-Engagements versprochen, nicht dauerhaften Frieden oder eine liberale Demokratie in Afghanistan. Auch außenpolitische Hardliner wie der republikanische Senator Lindsey Graham scheinen inzwischen ähnlich zu denken. Auf einer Konferenz in Pakistan sagte er kürzlich, es sei richtig, den Krieg zu beenden und dafür mit den Taliban zusammenzuarbeiten. Zuvor hatte er das kategorisch abgelehnt.

Kerstin Kohlenberg

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5. Was sind die Folgen für Deutschland und die Bundeswehr?

Die Bundeswehr beteiligt sich aktuell mit rund 1100 Soldaten an der Nato-Mission Resolute Support, die vom Bundestag festgelegte Obergrenze liegt bei 1300. Ziel der Mission, die an das Ende des Anti-Terror-Kampfes der Nato 2014 anschloss, ist Aufbau und Ausbildung von afghanischen Sicherheitskräften.

Sollten die Amerikaner sich im Rahmen einer Vereinbarung mit den Taliban weitgehend aus Afghanistan zurückziehen, würde das auch Folgen für die deutschen Soldaten haben. "Die Bundeswehr ist nie allein unterwegs, sondern immer nur in Bündnissen und Koalitionen" sagte Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen in einem Interview mit der ZEIT vor zwei Wochen. Zögen die US-Truppen ab, wäre das auch das Ende des Bundeswehr-Einsatzes.

Die Gespräche der US-Regierung mit den Taliban nehmen Bundestagsabgeordnete bereits zum Anlass einer Neubewertung des deutschen Engagements. Aus der FDP heißt es, man werde im März (wenn das Mandat der Bundeswehr zur Verlängerung ansteht) anders kaum wieder zustimmen können. In anderen Fraktionen hält man sich bedeckter. Aus zwei Gründen: Zum einen bekundeten Außenminister Maas und die Kanzlerin unlängst im Auswärtigen Ausschuss, bislang keine offizielle Bestätigung für einen Abzug der US-Truppen zu haben. Zum anderen ist unklar, welche Soldaten Trump abziehen möchte. Die USA sind nämlich mit zwei Missionen in Afghanistan – der gemeinsamen in der Nato und einer eigenen. "Wenn Trump seine Soldaten aus dem nationalen US-Einsatz abzieht und die anderen US-Truppen bei der Nato-Ausbildungsmission lässt, kann auch die Bundeswehr bleiben", so ein Verteidigungsexperte.

In der Bundeswehr selbst geht man ohnehin nicht von einem schnellen Abzug der eigenen Truppen aus. Selbst wenn er morgen entschieden würde, dauerte es "ein bis eineinhalb Jahre", bis der letzte deutsche Soldat nach Hause flöge. "Es ist ein bisschen wie beim Brexit", sagt ein ranghoher Militär: "Wollen wir einen geordneten Übergang – dann braucht das Zeit. Bei einem harten Ausstieg bricht in Afghanistan das Chaos aus."

Peter Dausend

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6. Siebzehn Jahre Krieg – ist das vom Ergebnis gerechtfertigt?

Mehr als 6000 Tage Krieg; zeitweilig mehr als 50 beteiligte Nationen; bis zu 700 Militärbasen im Land; mehr als 150.000 Tote auf allen Seiten; 25.000 bei der Anti-Taliban-Allianz (davon 53 Bundeswehrsoldaten); in 17 Jahren 975 Milliarden US-Dollar Kriegskosten allein für das US-Kontingent (Deutschland: mehr als 10 Milliarden Euro).

Und nach alldem nun ein Abkommen mit den Taliban, die man doch von der Macht vertreiben wollte? Wer wollte da behaupten, dieser Krieg habe sich gelohnt?

Der Einsatz wurde immer wieder neu definiert. Was als Teil eines "Global War on Terror" und als demokratisches Transformationsprojekt angefangen hatte, endete im downgrade zur Stabilisierungsmission. Die Terroristen fanden andere sichere Häfen (im Irak und in Syrien), und von Stabilisierung kann man schon angesichts der Hunderttaussenden Flüchtlinge, die das Land verlassen haben, kaum reden.

In Afghanistan begann, was in Amerika heute resigniert als "Forever Wars" bezeichnet wird: eine Serie von Interventionen, die die USA seit 2001 in einem permanenten Kriegszustand hält. Bewaffneter Konflikt – mal mit Söldnern, mal mit Spezialkräften, mal mit Raketen und Drohnen – ist vom Ausnahme- zum Normalzustand geworden, ungeachtet einer kriegsmüden Öffentlichkeit und löchriger Legitimationsgrundlagen. Parlamente bewilligen die notwendigen Mittel für die Truppen, ohne den Sinn und die Strategie zu diskutieren. Das ist der Schaden, den der Krieg in Afghanistan den westlichen Demokratien zugefügt hat, die in ihm feststecken. Es wäre zu begrüßen, wenn die Zeit des Interventionismus zu Ende ginge.

Dies war nicht von Anfang an ein falscher Krieg (wie im Fall des auf Lügen gebauten Irakfeldzugs): Rückzugsgebiete für Al-Kaida konnten nicht geduldet werden. Auch gab es Gewinne für Gruppen, die ohne Intervention nie das Joch der Taliban abgeschüttelt hätten – Mädchen und Frauen zumindest in Teilen des Landes. Was wird aus ihnen, wenn der Westen sich vollends zurückzieht?

Es mag richtig sein, einen Krieg zu beenden, der nicht mehr gerechtfertigt werden kann. Nichts ist gut in Afghanistan? Möglich ist, dass es durch einen schlecht verhandelten Abzug noch schlimmer wird.

Jörg Lau

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