Felwine Sarr, Ökonom in Saint-Louis, Senegal, gelangt gerade zu Prominenz als Co-Autor des Berichtes über die Rückgabe afrikanischer Kunst, den der französische Präsident in Auftrag gab. Sarrs Buch – eines der vielen dem Schwarzen Kontinent geltenden Aufbruchsmanifeste – ist zwei Jahre alt, was man in einer inzwischen lebhaft geführten Dekolonisierungsdebatte durchaus spürt.

Das meiste, was der Autor diagnostiziert, ist allerdings noch immer zustimmungsfähig: die vereinfachenden Sichtweisen auf Afrika beispielsweise, die oft naive Euphorie, seine Zukunft betreffend, der Mangel an Selbstwertgefühl in den subsaharischen Ländern und deren Neigung, die alten Kolonialherren zu kopieren, aber auch – dies ist am interessantesten – das Fehlen eigener Kategorien, Redeweisen und Genres, in denen sich ein neues afrikanisches Selbstbewusstsein artikulieren sollte.

Sarr hat nämlich nicht weniger als ein eigenes "afrikanisches Zivilisationskonzept" im Sinn, und so sind seine Rezepte nicht ökonomisch oder politisch ausgerichtet. Der entscheidende Satz in diesem Buch lautet: "Wenn es einen Bereich gibt, in dem die Ausstrahlungskraft Afrikas vollkommen intakt geblieben ist, (...) dann ist es der Bereich der Kultur." Also der Lebenskultur, der besonderen Gemeinschaftlichkeit, der Urbanität und der alltäglichen Ethik gilt Sarrs Aufmerksamkeit sowie den vielfältigen informellen Weisen des afrikanischen Wirtschaftens. Er spricht von einer "relationalen", menschliche Beziehungen stabilisierenden, nicht zerstörenden Ökonomie. Dort sieht er die Quellen eines Aufbruchsprojektes.

Ein solches sei kein Aufholen, und es ist in seinen Augen auch nicht auf eine optimierte Integration Afrikas in die Globalwelt ausgerichtet. Afrotopia ist ein dekolonisierendes Projekt, soll die Dekolonisierung selbst sein als kulturelle Überschreibung einer Jahrhunderte währenden Abhängigkeit von Europa. Und so gelte es, die europäischen Vorstellungskomplexe zu dekonstruieren und die eigenen Traditionen zu mobilisieren.

Selbstverständlich kommt Sarr dabei vom Europäischen nicht los, weder in seiner Sprache noch in seinen Begriffen, noch in seinen utopischen Ideen. Er löst dieses Problem nicht, stellt sich ihm aber. Die Figur des Vaters zu stürzen, zitiert er an einer Stelle, heißt auch, "ihn zu beschwören". Und so darf man auch Kritik üben: Denn das als Folie dienende Europa fällt hier ziemlich einfältig aus und lässt sich auf Vernunft und Profitmacherei reduzieren. Es wird wohl noch eine Weile dauern, bis die Theoretiker der Dekolonisation das selbstkritische philosophische Erbe Europas offensiv nutzen.

Ärgerlich ist, dass Sarr neuere Abhängigkeiten in Afrika unerwähnt lässt. China kommt einmal vor, als ökonomische Gefahr, während es längst gesellschaftliche Ordnungsvorstellungen exportiert, so wie der politische Islam. Die europäische Kolonialspur zieht sich zwar tiefer, aber die Rekolonisierung ist deswegen nicht aus der Welt. Vielleicht erfordert die Befreiung der Subsahara doch mehr als Kulturkritik.

Felwine Sarr: Afrotopia. A. d. Franz. von Max Henninger; Matthes & Seitz, Berlin 2019; 176 S., 20,– €, als E-Book 15,99 €