Thomas Spitzer steht neben bunten Kostümen und zusammengebastelten Comicfiguren. "Es hat mir immer Spaß gemacht, nicht lustig sein zu müssen", sagt er und macht ein ernstes Gesicht. Ironie? Nein. Der Mann, berühmt für seine lustige Musik, meint es ernst. Kein Wunder, dass er genug hat. Von seiner Band, der Ersten Allgemeinen Verunsicherung, kurz: EAV, die seit bald vierzig Jahren für Nonsens und Reime wie "Tirili, tirilo, tirila" steht. Spitzer, 65 Jahre alt, graue Haarmähne, ist der kreative Boss des erfolgreichen Musik-Zirkus. Er hat die Band erfunden, die Lieder getextet, Cover gezeichnet und Bühnenbilder entworfen. In seinen Videos laufen Zeichentrick-Nasenbären umher, auf Plattencovern sitzen Pinguine mit Brüsten.

Spitzers aktueller Spielplatz liegt zwischen Kuhställen und schmalen Dorfstraßen im steirischen Leitersdorf bei Feldbach. Dort werkt er in einer Halle mit Turnsaal-Charme am neuen Bühnenbild der EAV, dem letzten.

Neunzig Abschiedskonzerte werden ab Februar gespielt – dann ist Schluss mit Küss die Hand schöne Frau, Ba-Ba-Banküberfall, Märchenprinz und all den andern Schenkelklopfern, die Klaus Eberhartinger, ein semmelblonder Sänger mit marktschreierischem Talent, unters Volk brachte. Er und Spitzer sind die Gesichter der Gruppe. Nur eine Frage entzweit die beiden: Wie viele Kassenschlager sollen auf der letzten Tournee gespielt werden? Eberhartinger will ein Hit-Feuerwerk abbrennen. Spitzer nicht. Eberhartinger setzt sich durch. Man könne dem Publikum nur wenige neue Stücke zumuten, sagt Spitzer, "der Rest müssen die scheißbekannten alten Nummern sein. Das wollen die Leute hören."

Im September ist Schluss – und Spitzer darüber ganz froh. Für ihn stecken er und sein Lebenswerk seit Jahrzehnten in einem Dilemma: Einst galt die Band als subtiles Kunstprojekt, das bissige Satire in knallbunten Farben für die breite Masse aufbereitete. Heute steht sie für Blödelpop und firmiert als Hit-Sanatorium für Faschingsfeste. Daran ist auch Spitzer schuld. Der Erfolg brachte ihm nicht nur Ruhm, sondern auch viel Geld. Zum Erfolg gehört aber auch der Ruf des Blödelbarden. Seit Jahren verweigert er sich den meisten Live-Auftritten, vor allem den Best-of-Shows, mit denen die EAV auch Volksfeste und Kirtage bespielt.

In den späten siebziger Jahren war die EAV ein politisches, von Feuilletons gefeiertes Rockkabarett, das sich in der Rolle des Anarcho-Haufens gefiel. Die Musiker lebten tags zusammen auf einem Bauernhof und spielten nachts provokante Nummern im kleinen Szeneclub.

Doch dann kam Spitzer eine Idee: Er holte Klaus Eberhartinger als singenden Tanzbären. Er selber würde massentaugliche Hits schreiben, die im Radio laufen und die Fans zu Konzerten locken. Dort würde ihnen, so der Plan, neben "Tirili" auch politische Satire serviert.

Der erste Teil des Plans klappte: Bis heute verkaufte die EAV laut eigenen Angaben zehn Millionen Tonträger. Die Band, die Led Zeppelin gut fand, sah sich durch Schlagershows und Fernsehgärten tingeln und sang im rosa Sakko neben G. G. Anderson und Heino. "Einmal bin ich weinend am Boden gelegen, weil das Schlagerduo Klaus und Klaus zu uns sagte: Wir sind alle eine Familie. Da wurde mir bewusst, dass wir als Faschingsband bekannt sind."

Man wollte Erfolg, man wollte Geld. Doch dann ging alles schnell, und der zweite Teil des Plans blieb auf der Strecke. Die EAV schlitterte in einen Teufelskreis aus Forderungen der Plattenfirma und eigenem Erfolgsdruck. Die Lieder wurden lustiger, die Videos bunter.

"Wir wollten politisches Rockkabarett machen und haben den Weg dann zugunsten einer kommerziellen Ausrichtung ein bisschen verlassen", sagt der frühere Bassist Eik Breit. Die Refrains seien zwar ein wenig skurril und komisch geblieben, aber vor allem mitsingbar – "und so, dass es keine Missverständnisse gibt. Denn gerade bei Satire entstehen unter einem einfach gestrickten Publikum öfter Missverständnisse."

Dabei kritisierte Spitzer in seinen Stücken Nazis, Islamisten, Politiker, Sextouristen. Auch in den Hits finden sich geistreiche Texte, die aber unsichtbar wurden hinter den bunten Verkleidungen. Die Musik der EAV wurde in Kinderzimmern gehört, nicht auf Weltverbesserer-Demos.