In diesem Buch ist jeder jederzeit in Gefahr, ein sich fundamental falsch verhaltender Mensch zu werden, und das Tolle daran ist: Als Leser versteht man sofort, warum die Protagonisten von Kristen Roupenians erstem Erzählband sich auf so unglaublich falsche Weise verhalten. Man versteht es nicht nur, man wird selbst zu diesen sich falsch verhaltenden Menschen, weil man ihre gedanklichen Bewegungen permanent mitvollzieht, ohne dass irgendeine distanzierende Erzählinstanz einen daran erinnern würde, dass die Falschheit der betreffenden Protagonisten wirklich ein Problem darstellt. Das ist, was diese Erzählungen auszeichnet: Sie beschreiben mit einer extremen psychologischen Präzision, warum Menschen tun, was sie tun, obwohl sie wissen, dass sie es eigentlich nicht tun sollten.

So zum Beispiel Margot (20 Jahre), die Protagonistin der titelgebenden Cat Person-Erzählung: Sie weiß ziemlich schnell, dass sie Robert (34 Jahre) nicht speziell anziehend findet, hat sich aber im Laufe einer langen SMS-Korrespondenz voller Emojis so sehr in die Vorstellung einer romantischen Liebe verliebt, dass sie es einfach nicht einsieht, Robert nicht zu einem Date zu treffen. Roupenian gestaltet die Erzählung jenes natürlich katastrophalen Dates als einen Kampf um Macht zweier zutiefst verunsicherter Menschen entlang der Kategorien kulturelles Kapital, soziale Herkunft und Geschlecht: Wer kennt sich besser mit Kinofilmen aus? Wer besser mit Sex? Welcher der beiden Date-Beteiligten ist aktuell der Boss? Um die Oberhand zu gewinnen, verhält sich Robert, wie er glaubt, sich als Mann in einer solchen Situation verhalten zu müssen, Margot kann seine unbeholfenen Küsse nur ertragen, indem sie ihn in Gedanken abwertet und gewissermaßen über Bande, also auf der Folie des schlecht küssenden Robert, ein strahlendes Bild von sich selbst entwirft (sie sieht in seinen Augen, "wie hübsch sie aussah"). Als die beiden im Bett angekommen sind und Margot feststellt, dass es sie wirklich Überwindung kosten wird, den zwar nonverbal, aber doch irgendwie vertraglich festgelegten Sex durchzuziehen, beschließt sie, nichts zu sagen, denn "der Gedanke daran, was es an Aufwand bedeuten würde, jetzt zu stoppen, was sie in Bewegung gesetzt hatte, war überwältigend". Es folgt ein gescripteter Porno-Sex mit einem verunsicherten Mann, der glaubt, dass es nun sein Job sei, Margot hart anzufassen. Danach ekelt sich Margot und will nichts mehr mit Robert zu tun haben, der sie deswegen in einer SMS "Schlampe" nennt, und das war es.

Mit dieser Geschichte, die während der #MeToo-Debatte im Dezember 2017 im New Yorker erschien und über zwei Millionen Mal aufgerufen wurde, ist Kristen Roupenian, von der bis dahin nie jemand etwas gehört hatte, berühmt geworden. Die 1982 geborene Autorin wurde gefeiert als Verfasserin der literarischen Antwort auf #MeToo, wobei interessant ist, dass in Cat Person nicht eindeutig sexualisierte Gewalt beschrieben wird oder zumindest keine, die justiziabel ist. Die Stärke dieses Textes liegt vielmehr in seiner Ambivalenz und Uneindeutigkeit, also darin, die schwer fassbaren Machtdynamiken zwischen Männern und Frauen fassbar zu machen, und insofern war Cat Person intelligenter (weil feiner, differenzierter), als es die gesamte #MeToo-Debatte bis dahin sein konnte.

Auf den Short-Story-Hit folgte eine Sammlung von zwölf Erzählungen, in deren Zentrum immer die Themen "Macht" und "Begehren" stehen. Teils superrealistisch, teils mit Fantasy- und Horror-Elementen werden Menschen gezeigt, die durch ihre Lebensdemütigungen (Langeweile, Angst, ausgelacht werden, bedeutungslos sein) so gekränkt sind, dass sie schreckliche Dinge tun. Ein Paar etwa ist von seiner braven Millennial-Paar-Existenz so gelangweilt, dass es Spaß daran findet, einen befreundeten Mann zu quälen und zum Sklaven zu machen. Eine Mutter empfindet einen solchen Hass auf die neue Freundin ihres Ex-Mannes, dass sie (und mit ihr die über sich selbst entsetzte Leserin) nicht wirklich etwas dagegen hat, wenn die neue Freundin mithilfe irgendwelcher verrückten magischen Praktiken auf grausame Weise leidet. Und dann ist da noch Ted, ein auf den ersten Blick "netter Typ", der beim Sex "nur einen hochkriegen kann", wenn er sich vorstellt, "dass sein Schwanz ein Messer war und die Frau, mit der er gerade schlief, sich dabei aufschlitzte". Doch was so klingt wie eine klischeehafte Parabel zum Thema How-to-make-a-Frauenfeind, liest sich bei Roupenian wie ein genau durchdachtes Psychogramm, dessen Qualität man daran erkennt, dass man es mit Ted und seinen Gedanken so lange aushält (etwa 60 Seiten) und ihn am Ende nicht einmal mehr schwungvoll verurteilen kann.

Das Setting, in dem Roupenian ihre Protagonisten wüten lässt, ist das der sogenannten Millennials, also jener Generation, die in den Achtziger- und Neunzigerjahren geboren wurde: Smartphone, Instagram und SMS treiben die Handlung voran, es geht um soziale Netzwerke, Netflix und moderne Phänomene wie Ghosting. Diesen Millennials wiederum wird regelmäßig vorgeworfen, dass sie narzisstisch und egoistisch seien und sich immerzu selbstverwirklichen wollten. Laut Washington Post ist es Roupenian, die die "Befindlichkeiten" dieser Millennials besonders treffend beschreibt. Obwohl das eine wenig elegante Behauptung ist, so ist es doch interessant, wie die Autorin den Kampf um Macht und Begehrtwerden immer wieder inszeniert: Die begehrenden Menschen begehren im Grunde niemanden außer sich selbst. Der begehrte Mensch ist nur eine Projektionsfläche für die Art und Weise, wie der Begehrende sich wünscht, gesehen zu werden.

Roupenian übersetzt diesen Tanz um sich selbst in die Geschichte von einer Prinzessin, der es nicht gelingt, sich zu verlieben ("Warum stellte sie niemand zufrieden? Was suchte sie, was fehlte ihr?"), bis sie nachts eine Erscheinung hat, nämlich eines Mannes, bestehend aus einem Knochen, einem Eimer und einem zerbrochenen Spiegel. Den Mann, den sie in diesem zerbrochenen Spiegel erkennt, ist sie zu lieben in der Lage, und es kann natürlich sein, dass sich die Washington Post da irgendwie und vielleicht nicht zu Unrecht an Instagram erinnert gefühlt hat.