Der Schriftsteller Christoph Hein hatte sich vergangene Woche in der Süddeutschen Zeitung beklagt, dass sein Leben in Florian Henckel von Donnersmarcks Film Das Leben der Anderen (2006) entstellt worden sei. Er legte in einem Essay nahe, dass der Oscar-prämierte Film ihn selbst zum Thema mache. Donnersmarck, erklärt er, habe ihn 2002 zusammen mit dem Schauspieler Ulrich Mühe aufgesucht und ihn über sein Dramatikerdasein in der DDR ausgefragt. Während der Premierenfeier sei Hein dann stark verwundert gewesen: Der Held des Films sitze an einem Artikel über Selbstmorde, während er 1987 eine Anti-Zensur-Rede gehalten habe. Das allein sei nicht weiter problematisch, aber "alles, was ich ihm ein paar Jahre zuvor erzählt hatte, war von ihm bunt durcheinandergemischt und (...) sehr effektvoll melodramatisch neu zusammengesetzt worden". Heins Wohnung sei in den 60er-Jahren verwanzt gewesen, der Film aber handle von den 80er-Jahren, wo der Staat "allein mit Repressionen seine Untertanen nicht mehr in den Griff" bekommen habe. Donnersmarck habe ein "Gruselmärchen" erschaffen, das nichts mit der Realität gemein habe. Weshalb Hein den Regisseur darum gebeten habe, ihn aus dem "Vorspann", wo er erwähnt werde, zu löschen.

Diese Erinnerungen Heins wurden der FAZ Anlass für einen wuchtigen Angriff auf den Schriftsteller. Zwei Details, mit denen Hein Unstimmigkeiten vorgeworfen werden, gipfeln im Vorwurf, er verbreite Fake-News: Nicht im Vorspann, so wird argumentiert, werde Hein genannt, sondern im Nachspann. Im Jahr 2002 habe Donnersmarck den (2007 verstorbenen) Ulrich Mühe noch nicht gekannt, also Hein gar nicht aufsuchen können. Dass der Zeitzeuge Hein die 80er-Jahre in der DDR differenzierter beurteilt, wird ihm zudem als "Zynismus" ausgelegt – als sei es bereits ein Akt von Verharmlosung, auf unterschiedliche Repressionsgrade hinzuweisen. Hein selbst empfindet den Vorwurf, er verharmlose den Unterdrückungsstaat, als denunziatorisch. Die Begegnung im Jahre 2002 entnehme er "besten Wissens und Gewissens" seinem Kalender, er räume aber gerne ein, dass er bei Donnersmarck im Nachspann, nicht im Vorspann genannt werde. Das habe er wohl verwechselt.

Vielleicht hat nicht mehr jeder in Erinnerung, dass Hein zu jenen Schriftstellern in der DDR gehörte, die sich der Diktatur mit einem Mut entgegenstemmten wie nur ganz wenige. Auf dem 10. Schriftstellerkongress der DDR mit einer aufsehenerregenden Rede die Abschaffung der Zensur zu verlangen, dafür brauchte man mehr Rückgrat, als die westdeutsche Fantasie heute hergibt. Dass die Rede überhaupt ohne existenzielle Sanktionen möglich war, lag auch daran, dass der marode Staat nicht mehr in seiner stalinistischen Blüte stand. Diese schlichte Erkenntnis kann nur skandalisieren, wer der Diktatur eine Geschichte abspricht. Wir hätten die DDR in der Rückschau gerne als Räuberpistole, sie war aber vor allem eine Qual.